Charly Mey und sein roter Bruder I

 

Neu erzählt von Dierk Strothmann

 

(Folge 58)

 

 

Als sie am nächsten Morgen weiter ritten, wechselte Santers Spur, die bisher schnurstracks nach Osten geführt hatte plötzlich Richtung Süden. Sam zog die Stirn kraus. „Das ist nicht gut. Gerissener Bursche dieser Santer. Hat wohl eingesehen, dass sein Gaul nicht schnell genug ist und dass wir ihn bald einholen. Wird wohl bei den Kiowa Schutz suchen.“

Charly war überrascht. „Bei den Kiowa? Aber die werden seinen Skalp haben wollen.“

„Ach was. Er muss ihnen nur erzählen, dass er Intschu-schuna und Nscho-tschi abgemurkst hat. Dann feiern sie ihn als Helden.“

Da war etwas dran.

Sie folgten weiter der Fährte. Mit Kiowa waren sie schließlich schon einmal fertig geworden. Es kam nur darauf an, wie viele es waren und als sie die Indianer schließlich entdeckten, stellten sie fest, dass es wohl nur eine kleinere Abteilung war.

Es war klar, dass Santer bereits bei ihnen war und dass sie deshalb wissen mussten, dass ihm seine Verfolger auf den Fersen war, deshalb war es auf den ersten Blick überraschend, dass sie auffällig unbekümmert taten und bei der schon bald eintretenden Dunkelheit entgegen jeder Gewohnheit ihre Lagerfeuer lichterloh brennen ließen. Ihre Absicht lag auf der Hand: Sie wollten Charly und seine Begleiter in Sicherheit wiegen, sie anlocken und dann festnehmen. Und da Sam Santer ja so ausführlich mitgeteilt hatte, wer sie waren, wussten sie, dass ihnen der Todfeind ihres Häuptlings in Netz gehen könnte.

Eine mehr als verlockende Aussicht.

Mag sein, dass der Tod des Häuptlings und der „kleinen roten Miss“, wie er sie nannte, Sam Hawkens so erschüttert hatte, dass er wie ausgewechselt war. Er war mürrisch und trotzig, ließ sich überhaupt nichts sagen, legte sich sogar ernsthaft mit Charly an, indem er behauptete, Charly habe ihm ohne Widerrede zu folgen, was dieser allerdings nicht hinnahm. „Sam, sicher wart Ihr mein Lehrmeister, aber inzwischen habe ich selbst laufen gelernt. Außerdem hat mich Winnetou mit der Verfolgung des Mörders beauftragt und nicht Euch. Also gilt hier, was ich sage.“

Aber Sam tat dennoch, was er wollte. Trotz des ausdrücklichen Verbots schlich er in der Nacht davon, um festzustellen, wie groß die Zahl der Feinde tatsächlich war.

Charly beschloss ihm zu folgen, musste aber erst einen ungebetenen Lauscher erledigen, der sich in dem nahen Gebüsch angeschlichen hatte. Er hatte ihn eigentlich nur bemerkt, weil eine paar Blätter raschelten. Natürlich hätte es auch ein kleines Tier sein können, aber Charly wollte auf Nummer sicher gehen.

Er erwischte ihn, als er gerade aus den Büschen hervorkriechen wollte, verpasste ihm einen seiner Spezialschläge mit dem schon hinlänglich bekannten Ergebnis. Er lud sich den leblosen Körper auf die Schulter und trug ihn zu seinen Gefährten. Es war ein Kiowa und sogar ein bekannter: Bao, der schielende Fuchs. Er wurde gebunden und geknebelt. Eine indianische Geisel zu haben, könnte ja vielleicht ganz hilfreich sein.

Dann folgte Charly Sam Hawkens. Er ging davon aus, dass die Kiowa sehr genau wussten, wo sie waren und er stellte, als er Sams Spur entdeckte, mit Besorgnis fest, dass Sam drauf und dran war, ihnen direkt in die Arme zu laufen, denn er machte überhaupt keinen Umweg, sondern kroch in gerader Linie vom Lagerplatz auf die nur scheinbar arglosen Indianer zu.

Charly wählte einen anderen Weg, indem er einen großen Bogen einschlug und sich von der anderen Seite näherte. Schon bald entdeckte er Santer. Er hockte zusammen mit vier Indianern an einem Lagerfeuer und sie unterhielten sich lautstark, aber er konnte nicht verstehen, was sie sagten, ganz abgesehen davon, dass er die Sprache der Kiowa ohnehin nicht verstand. Santer sagte nichts, sondern stierte nur vor sich hin. Insgesamt zählte Charly etwa 40 Kiowa, zu viele, um sie direkt anzugreifen.

Plötzlich war lautes Stimmengewirr zu hören und nur wenige Augenblicke später schleppten vier Indianer einen Weißen herbei – Sam Hawkens, der zappelnd versuchte sich loszureißen, was ihm aber nicht gelang. Er spuckte Gift und Galle. Santer empfing ihn mit einem ironischen Grinsen. „Da ist ja unser Sam Hawkens, der berühmte Westmann. Dann wird ja auch sein Freund Old Shatterhand nicht weit sein. Herzlich willkommen im Vorhof der Hölle.“

„Schuft, Mörder, Schweinehund“, schrie Sam und versuchte weiter sich loszureißen.

Charly überlegte, ob er Sam mit einem Überraschungsangriff befreien sollte. Den Bärentöter hatte er im Lager gelassen, war nur mit zwei Revolvern und einem Messer bewaffnet.

Er entschied sich dagegen und schlich zurück. Er wurde schon ungeduldig erwartet. „Was ist los, Sir? Wir haben Geschrei gehört“, rief Will Parker.

„Sie haben Sam geschnappt.“

„Teufel auch. War irgendwie heute nicht sein Tag. Liegt vielleicht am Alter, da wird manch ein Schlitzohr zum Langohr.“

Dem war kaum etwas hinzuzufügen.

 

(Fortsetzung folgt)