Ich bin der Franz ...

 

Die Reisen des Herrn Gabriel aus Mallerdorf

 

  (Folge 53)

 

  

Später erfuhr ich, dass halb Mallersdorf versucht hatte, mich zu wecken. Erst meine Mutter, die von Ange und Gis alarmiert wurde, als ich nicht zum vereinbarten Zeitpunkt erschien. Sie hat mich zwar geschüttelt wie eine Salatsauce, aber es war nicht zu machen. Übrigens: Meine Befürchtungen, ich hätte Ange am Abend zuvor abgeschleppt, waren völlig aus der Luft gegriffen. Mit Ange hatte ich nie etwas.

Ruth und Karl standen im Hof vor der Garage. Als ich den Wagen herausfahren wollte, stellte sich mir Karl in den Weg. Er blickte mir tief in die Augen und streckte mir seine Hand entgegen. Ich wollte sie schon schütteln, aber er sah mich nur ernst an und sagte: „Schlüssel“.. Na ja, dachte ich, wenn der Freund unbedingt zum Helfer werden will, von mir aus. Bei Daffners warten die anderen ungeduldig. Als sie meine rote Schnapsnase sahen und meine Alkoholfahne rochen, erntete ich ein paar ärgerliche Blicke und kollektives Kopfschütteln.

Ich hauchte mit schwacher Stimme: „Ich mache es wieder gut.“

An die Fahrt habe ich kaum eine Erinnerung. Als ich aufwachte, stoppte Karl gerade vor „Haus Julia“, unserer Frühstückspension. Für die tolle Lage am Hang, direkt am Skilift hatte ich nur begrenzt Interesse. Wer denkt schon ans Skilaufen, wenn er den Kopf unter dem Arm trägt. Und dann machte Beate einen Vorschlag. „Lasst uns die letzten Sonnenstrahlen genießen. Ich habe vor Bauers Skialm eine Bank gesehen.“ Bauers Skialm lag nur wenige Meter entfernt und so stimmten alle begeistert zu. Zunächst ging es mir einigermaßen gut nach dem ersten Krug Jägertee. Und dann kamen zur Feier des Tages noch ein paar Bierchen hinzu. Und ich war schon wieder sturzbetrunken.

Am nächsten Morgen wollte ich sterben oder wenigstens liegen bleiben. Karl nickte nur und sagte „dann um Fünf in Baurs Skialm“. Ich wälzte mich auf die andere Seite. Und so ging es Tag für Tag. Schlafen im „Haus Julia“ und dann rüber zu Bauers Skialm. Zum Skilaufen blieb da keine Zeit.

Und an einem dieser Tage sprachen wir über Willi. Jedenfalls sprach ein Skikurs am Nachbartisch über ihn. Ich mischte mich ein. „Ich glaube, wir haben einen gemeinsamen Bekannten“, sagte ich.

„Wieso?“ fragte eine junge Frau und lachte.

„Ich kenne euren Willi zufällig.“

Sie waren etwa zehn Leute, alles fröhliche Leute ganz nach meinem Geschmack. „Ja, wenn das so ist, komm doch rüber und setz dich zu uns, dann werden wir ja sehen, ob dein Willi auch unser Willi ist.“ Ich nahm mein Bier und setzte mich auf die Bank zu einer attraktiven, schwarzhäutigen Mitvierzigerin. Sie trug einen olivgrünen Skianzug von Daniel Hechter und rauchte wie ich HB.

Sie schaute mich forschend an. „Wo hast du Willi kennen gelernt?“

„Im Allgäu vor einigen Jahren.“

„Wir kennen ihn von Saalbach her.“

„Aber bestimmt nicht von Bauers Skialm.“

„Nein, es war in einer Hütte am Schattberg.“ Eine Blondine mit einem knallroten Stirnband meinte auch, Willi zu kennen. „Ich das der Willi, der immer so viel Bier trinkt.“ „Willi trinkt kein Bier“, meine Nachbarin winkte ab. „Er trinkt nur Wasser oder Limmo. Wenn er Alkohol trinkt, dann nur Marillenlikör.“

„Ich habe ihn im Kuhstall getroffen, wie er sich ein Wiener Schnitzel bestellt hatte.“

„Dann verwechselst du ihn. Ganz bestimmt. Er isst nur Suppen. Ab und zu Spaghetti.“

„Den kenn ich auch“, warf einer vom Barhocker aus in die Diskussion, „bei dem kaufe ich mir immer meine Sommerpullover.“

Die eine Hälfte der Gesellschaft grinste verschmitzt, die anderen sahen sich ratlos an.

„Dann ist es bestimmt Willi Bogner, der Skifahrer. Der ist ja jetzt ein berühmter Modedesigner“, flüsterte mir ein sexy Mädchen zu. „Der Freund von Biene Maja ist es bestimmt nicht,“ raunte ich zurück.

Fast jeder wusste irgendetwas über Willi.

Das Tolle ist: Willi gibt es gar nicht. Es ist eines von diesen ebenso witzigen wie leicht kindischen Spielchen in den Hütten und Almen dieser Welt. Es ist ein Spiel, bei dem die, die es kennen, sich totlachen und die anderen am liebsten die Herren mit den bequemen Jacken, die man hinten zusammenbindet, rufen würden.

Also: Der Kundige beschreibt Willi ausschließlich mit Doppelkonsonanten. Willi mag eben nur Suppe und keinen Braten. Und er trinkt Grappa und keinen Bärwurz. Und er lebt in Mallersdorf und nicht in Landshut. Und je mehr Alkohol fließt, umso lustiger und erfindungsreicher wird man. Bei diesem Spiel habe ich schon die tollsten Geschichten erlebt. Als sich die gesellige Runde verabschiedet hatte, rief ich der Schwarzhaarigen zu: „Und sag Willi, wenn du ihn wieder triffst, viele Grüße von mir.“

„Von wem?“

„Ich bin der Franz.“ Nach einer kurzen Pause verbesserte ich mich und sagte: „Nein, nicht von Franz, den wird er gar nicht kennen. Sag ihm einfach, du hast Tschapps getroffen.“

„Kennt er dich dann?“

„Ja, wer kennt den Tschapps nicht?“

Einmal, in Lech am Arlberg hatte ich wegen akuter Konditionsschwierigkeiten eine längere Rast im Rüfikopfrestaurant eingelegt, verzehrte gerade meine Germknödel mit Vanillesoße, als drei Paare eintraten und fragten, ob sie bei mir Platz nehmen dürften. Alle hatten sündhaft teure Skiklamotten an. Die Frauen waren mit Klunkern behangen wie Christbäume und die Männer sahen aus wie Brieftaschen mit Beinen. Erschöpft warfen sie Handschuhe, Skimützen und Skibrillen auf die Eckbank.

Als der Ober kam, bestellten sie sich jeder einen halben Liter Rotwein. Der Ältere der drei Herren, so etwa 60 Jahre, und Träger einer teuren Hornbrille, orderte eine Runde Willi. Für mich natürlich auch. „Ein Prost auf Willi“, lachte eine der Grazien. Kannten sie dieses Spiel, oder war es nur Zufall? Ich war gespannt.

Die drei Frauen amüsierten sich königlich über Willi, ihre Begleiter wurden immer gereizter. Einer fragte: „woher kennst du eigentlich diesen Mann?“ Der andere meinte: „Schatz, du hast mir noch nie von diesem Mann erzählt.“ Der dritte löffelte teilnahmslos seine Suppe. Doch jetzt ging es richtig los. Die drei Schönen zogen über Willi her, dass sich die Balken bogen. Sie zogen alle Register, so dass sogar ich rot geworden bin.

Den Herren reichte es jetzt. „Sag mal“, wollte einer wissen, „kenne ich diesen Willi auch?“ Die Frauen klatschten sich vor Begeisterung auf die strammen Schenkel.

„Das war lange vor deiner Zeit. Mit dem war ich im Sommerurlaub.“

„Ich war mit ihm auf Teneriffa“, fügte ihre Freundin hinzu.

Ich hütete mich, auch nur ein Wort über Willi zu verlieren. Die drei älteren Herren waren inzwischen so böse, dass ich mich nicht gewundert hatte, wenn er sich auf mich gestürzt hätte, wenn ich nun auch noch mit Willi angefangen hätte.

„Ich wollte ihn auf der Couch verführen“, flüsterte die schönste der drei Frauen, „das wollte er aber nicht“, fügte die mit dem Bubikopf hinzu. Die schicke Schnecke mit der stark getönten Brille und den Ringellocken, zu dem Herrn mit den grauen Schläfen gehörte, lachte, „nein, Willi will immer gleich ins Bett.“ Die drei kreischten vor Vergnügen.

Als der Senior dies hörte, ließ er den Löffel fallen, schaute über seine Hornbrille, machte ein Gesicht, als wollte er gleich explodieren und schrie: „Was, mit diesem Willi hast du mich auch betrogen?“ Sie waren also verheiratet!

Der Jünger schaute seine Nachbarin entsetzt an, wurde ganz blass

„Hast du auch mit ihm auch geschlafen?“

„Nein, wir haben nur einmal Foxtrott getanzt.“

Ich ging vorsichtshalber auf Klo. Und als ich zurückkam waren sie verschwunden. Schade. Ich hatte noch nie einen Mord aus Eifersucht aus der Nähe erlebt.

 

 (Fortsetzung folgt)