Wie ich Napoleon den Krieg erklärte und sein größtes Geheimnis lüftete

 

Roman

1

 

An der Rathaustür von Mallersdorf hing ein Plakat. Ein Kerl mit gestreiftem Hut und Spitzbart war darauf zu sehen und er zeigte mit dem Finger auf jeden, der vorbei kam: „Du wirst gebraucht!“, stand da. Und: „Auf nach Frankreich! Auf zum Kampf gegen Napoleon!“

Es ging darum, Napoleon am Rhein zu stoppen. Jeder sollte mitmachen. Notfalls auch Zugereiste, denen die Gnade der bayerischen Geburt nicht teilhaftig geworden war. Aber jeder sagte sich: Was geht mich Napoleon an? Den kann sowieso keiner aufhalten. Sollen das gefälligst die anderen machen. Die Preußen oder die Japaner. Die Bevölkerung Niederbayerns war jedenfalls von dem Aufruf nicht sonderlich beeindruckt. Die Rekrutierung erfolgte somit nur sehr, sehr schleppend.

Ich aber dachte mir, bei mir würde es sowieso nicht auffallen, wenn ich längere Zeit mal weg war. Denn ich war eh das ganze Jahr über verschwunden im Internat in Deggendorf. Und dort kümmerte sich niemand darum, ob nun einer die Schulbank drückte oder nicht – Hauptsache, das Schulgeld wurde pünktlich überwiesen. Außerdem hoffte ich, dass man mir diesen Feldzug später beim Grundwehrdienst bei der Bundeswehr anrechnen wurde.

Und da war noch etwas: Ich wollte diesem Superpromi Napoleon, diesem Halbgott mit Dreispitz, vor dem die ganze Welt zitterte, wenigstens einmal persönlich gegenüber stehen und feststellen, ob er auch mir Angst einjagen würde. Und dann wollte ich ihn fragen, warum er ständig seine rechte Hand in die linke Seite seiner Jacke steckte.

Ja, dachte ich, das wäre der Kracher.

Als ich mich über nähere Einzelheiten in der Gemeinde erkundigte, zum Beispiel, wann es losgehen würde und mit wem und überhaupt, zuckte der Gemeindeschreiber nur seine Achseln. „Wie soll es der kleine Affe wissen, wenn es nicht einmal der große weiß?“ Er wollte damit sagen, dass damals nur die wenigsten kapierten, wer in Deutschland und Europa eigentlich gegen wen kämpfte. Es hieß nur, Napoleon wolle sein Glück gegen die Russen noch einmal versuchen.

Aber er schickte mich wenigstens zum Casting nach Landshut. Im Kreiswehrersatzamt wurde ich von einem älteren Herrn erwartet. Er hatte sich hinter einem Riesenberg Akten verschanzt. Ohne den Blick von irgendwelchen Papieren zu nehmen, in denen er herumkramte, stellte er mir die einleitende Frage zur Erfassung meiner persönlichen Daten. Mit anderen Worten, er murmelte: „Wie heißt du?“

„Ich bin der Franz“, antwortete ich brav, wenn auch leicht zittrig.

Als er meine piepsige Stimme hörte, warf er mir zum ersten Mal einen Blick über seine halbe Nickelbrille zu und musterte mich, wie schon sein Kollege, von unten bis oben.

„Wie alt bist du denn, Bub?“

Mir brach der kalte Schweiß aus. Jetzt nur nicht stottern.

„Letzte Woche bin ich achtzehn geworden“, log ich. In Wirklichkeit war ich erst 15, würde aber im Januar 16 werden, also schon in einem halben Jahr. Er hob die Augenbrauen. „Siehst ein bisschen jung aus für dein Alter. Zeig mal deinen Ausweis!“ Dabei streckte er die rechte Hand aus.

Nun stotterte ich doch. „Niemand hatte mir gesagt, dass ich einen brauche.“

Der Beamte zuckte wie schon sein Kollege mit den Schultern. „Ist ja auch egal. Ich glaub dir einfach. Bin ja froh, dass überhaupt einer kommt.“ Er stöhnte leise.

Ich sollte mein Hemd aufknöpfen für Belastungs-EKG, Ultraschall und das Abhören des Herzens. Was ich auch tat. Später wollte ich meine Hose runterziehen zum Zwecke eines freien Blicks in den Hintern. Wegen eventueller Hämorrhoiden.

Der Untersuchungsbeamte aber hob die Hand.

„Was machst du denn da?“, wollte er wissen.

„Ich dachte“, stotterte ich, „wegen der Senkfüsse und wegen des Blutdrucks ..“

„Ach was. Hattest du schon Mumps und Masern?“

„Ja“

Er machte einen Haken auf einem Blatt Papier.

„Geschlechtskrankheiten?“

„Was?“

„Tripper, Syphilis oder Herpes genitales?“

„Was?“

„Juckst dich manchmal am Sack?“

„Schon, aber nicht schlimm.“

Er machte noch ein Häkchen.

Ich musste noch die Zunge herausstrecken und kassierte dafür noch ein Häkchen.

Dann fragte er: „Hast du ein Handicap?“

„Warum, soll ich für Napoleon den Caddy machen?“

Er lachte leise. „Komiker was? Also nein“, sagte er dann und heftete das Blatt in einen Ordner.

Er verschränkte die Arme und lehnte sich in seinem Stuhl so weit zurück, dass dieser nur noch auf zwei Füßen stand. „Spielst ein Musikinstrument?“

Blockflöte spielen konnte ich. Da ich seit drei Jahren an der Schule Mitglied des Orff’schen Schulwerks war, beherrschte ich außerdem Triangel und Glockenspiel perfekt. Aber damit gewinnt man doch keinen Krieg, oder? Ich schüttelte den Kopf. Er wollte wissen, ob ich ein Steckenpferd hätte. Natürlich hatte ich eines, wie jeder Jugendliche in meinem Alter.

„Ja, ich sammle Briefmarken.“

Er schüttelte den Kopf und präzisierte seine Frage: „ Nein, ich meine, ob du ein Schaukelpferd hast oder hattest oder wenigstens ein Pferd mit Stecken, auf dem man reitet? Na, so ein Holzpferd.“

Ich war verblüfft, konnte mir überhaupt keinen Reim darauf machen, öffnete aber nur den Mund, ohne etwas zu sagen.

„Weißt du, das wäre wichtig. Wir haben nämlich nur wenige Pferde, aber noch weniger Reiter. Kannst du reiten?“

Ich und reiten! Noch heute mit 60 Jahren habe ich nie niemals auf keinem Pferd gesessen. Egal ob mit oder ohne Sattel. Ich bin nämlich nicht schwindelfrei. Ich schüttelte den Kopf: „Nein, ich habe Angst vor Pferden. Die gucken einen immer so fragend an.“

„Na ja, macht nichts.“

Er strich irgendetwas durch.

„Wo warst du letzten Sommer im Urlaub?“

Ich überlegte kurz. „Mit meinen Eltern acht Tage im Tessin.“

Er nickte beeindruckt. Er dachte wohl, dass ich aus einer wohlhabenden Familie stammte. Dem aber war nicht so. Mein Vater schuftete das ganze Jahr über als Fahrlehrer wie ein Verrückter, damit wir uns wenigstens ein Mal im Jahr ein paar freie Tage leisten konnten.

„Aber nur mit dem Zelt“, stellte ich klar.

„Dann bist du gerade der Richtige für uns“, gab er mir zu verstehen und grinste. „Es mangelt nämlich auch an Zelten, Geschirr, Töpfen und Pfannen, Decken, Hängematten oder solchen Sachen.“ Ich sollte das Zelt mitnehmen und alles andere, was man so für den Krieg braucht. Dann hätte ich wenigstens ein Dach über dem Kopf, sogar ein eigenes. „Und soll ich auch a Brotzeit mitnehmen?“, wollte ich wissen, obwohl ich die Antwort schon wusste.

„Freilich“, antwortete er, „es kann nicht schaden, wenn man die gewohnte Verpflegung beibehält. Vor allem in den ersten Tagen. Das beugt eventuellen  Irritationen des Darms vor.“

„Was?“

„Dann kriegst du keinen Dünnpfiff.“

„Ach so.“ Gut zu wissen.

Aber der Mann, er hieß, wie ich auf einem Schildchen, das auf dem Tisch stand erkennen konnte, Oberamtmann Walchinger, Anton, spürte wohl meine Verwirrung, denn er beugte sich jetzt vor und sagte sanft: „Weißt, Bub, es war halt nicht viel Zeit, ein Heer, wenn auch nur ein kleines, gegen Napoleon auf die Beine zu stellen. Nur zwei Wochen. Und die Kassen sind auch leer. Deshalb brauchen wir Leute wie dich, Männer, die bereit sind, ihre Chance zu nutzen, auch, wenn sie keine haben.“

Ich wusste zwar nicht ganz genau, was er meinte, aber seine Worte machten mich irgendwie stolz. Ich stellte mich kerzengerade hin, knallte die Hacken zusammen und salutierte, so, wie in „Offizier und Gentlemen“ und schnarrte: „Yes, Sir!“

Walchinger lächelte. „Ein guter Rat: Nimm nicht mehr als 25 Kilo im Rucksack mit. Alles andere wird auf die Dauer lästig.“

Dann wollte er noch wissen, ob mein Vater irgendwelche Schusswaffen im Hause hätte und ob ich gar Mitglied im örtlichen Schützenverein wäre, denn ein bisschen Bewaffnung könne auch nicht schaden. Ich schüttelte den Kopf.

„Dann kannst du auch nicht schießen?“, sagte er und klang ein wenig deprimiert.

„Nein, kann ich nicht. Als Junge habe ich mit meiner Steinschleuder ein paar Krähen abgeschossen. Aber das war alles.“ Na ja, das sei nicht weiter schlimm, meinte er, denn zum Ziehen des Lebensmittelkarrens, als Wachposten oder Treiber bei der Jagd könnten sie jeden gebrauchen.

Da er mir keinerlei Fragen zu meiner Konfektionsgröße stellte, erkundigte ich mich nach einer Uniform oder etwas in der Art. Walchinger schüttelte den Kopf. „Weißt, ich würde dir liebend gerne eine schmucke Uniform verpassen, aber die gibt es nicht. Nur die ersten fünfzig, die sich gemeldet haben, haben Hosen und Hemden vom Trachtenverein in Freising bekommen. Und in zwei Wochen geht es ja schon los. Du kannst mal bei den Förderern der Landshuter Hochzeit vorbeischauen. Vielleicht rücken die ein paar passende Klamotten aus der Requisitenkammer für dich raus.“

Das sei immerhin möglich, denn in diesem Jahr werde das Spektakel nicht aufgeführt. Und dann hatte er noch einen guten Rat: „Nimm einen warmen Mantel mit für die Nacht.“

Ob ich irgendwelche besondere Fähigkeiten hätte, wollte er auch noch wissen.

„Ich, ich ... kann französisch“, stammelte ich. Seine Augen blitzten auf. „Solche Leute sind immer gefragt. Wir können dich als Dolmetscher einsetzten, wenn ihr auf französisches Territorium vordringt.“

Na, immerhin bin ich zu etwas zu gebrauchen. Dann muss ich eben bis zur Grenze Kartoffel schälen oder sonst irgendetwas machen. Eine Frage hatte er noch, die er eher beiläufig stellte: „Und wer soll informiert werden, wenn du vom Feld der Ehre nicht zurückkehrst?“ Ich muss wohl ziemlich blass geworden sein. „Ich hoffe, dass es nicht nötig sein wird, aber der Leichenbestatter braucht deine Größe für den Sarg“, fügte er hastig hinzu.

Ich gab ihm meine Adresse in Mallersdorf.

„Würdest du im Ernstfall auch deine Organe spenden?“

„Welche Organe?“

„Na ja, Herz, Leber, Milz, Prostata und so was.“

„Soll das ein Scherz sein?“

„Mit so etwas scherzt man nicht“, knurrte er. Fand ich auch. Aber, war ja sowieso alles egal in dem Fall. Er stellte mir umgehend einen Organspenderausweis aus.

Dann blieb für mich nur noch eins zu klären: „Wie schaut’s es denn damit aus?“ Und dabei rieb ich Daumen und Zeigefinger.

„Es gibt eine Grundaufwandsentschädigung von 5 Mark am Tag. Und dann kommen noch Tagesspesen hinzu. Diese werden nach Kilometern und Stundensätzen abgerechnet.“

„Das heißt, je mehr Kilometer wir gehen und je länger wir am Tag marschieren, desto mehr Geld gibt es? Habe ich das richtig verstanden?“

„Korrekt. Du bist ein kluges Kerlchen. Für besondere Leistungen gibt es 2 Mark.“

Ich freute mich schon darauf, mir auf der Zugfahrt zurück nach Mallerdorf auszurechnen, wie viel ich insgesamt verdienen und was ich dann damit machen würde. Aber dazu musste ich noch etwas wissen.

„Und wann werden wir zurück sein?“

„Das weiß niemand“, antwortete der Mann, „Geld gibt’s sowieso erst, wenn ihr wieder da seid.“ Dann überreichte er mir ein dünnes, blaues Heft für die Reisekostenabrechnung.

„Du musst dir deine Stunden jeden Abend vom Gruppenleiter unterschreiben lassen“, ermahnte er mich. „Das ist ganz wichtig. Du darfst diese Spesenabrechnung niemals verlieren. Dann kriegst du gar nix. Aber nicht schummeln. Das ist kein Kavaliersdelikt, so wie Steuerhinterziehung. Wir machen nämlich Stichproben.“

Als ich mich von ihm verabschiedete, klopfte er mir auf die Schulter und sagte: „Ich beglückwünsche dich zu dieser Entscheidung. Bayern kann stolz auf solche Burschen wie dich sein. Ich drück dir alle Daumen, dass du wieder heil heimkehrst.“

Wieder zu Hause, erledigte ich meine letzten Dinge und verabschiedete mich von meinen engsten Freunden. Alles Burschen. Eine feste Freundin hatte ich noch nicht. Nur ein kleiner Kreis wusste überhaupt, dass ich in Sachen Napoleon unterwegs sein würde.  Meine Eltern mussten eine Vollmacht unterschreiben, denn zur damaligen Zeit war man erst mit einundzwanzig Jahren volljährig. Mutter gab nur mit Zögern ihre Einwilligung. Sie glaubte, dass meine schulischen Leistungen darunter leiden könnten. Mein Vater, der im Russlandfeldzug im 2. Weltkrieg mit dabei war, gab ohne langes Herumreden sein Okay. Er meinte, ich könne dabei was lernen und drückte mir noch 20 Mark für den Notfall in die Hand und zwinkerte mir zu: „Mädchen gibt es überall.“

 

2

 

Zwei Wochen später, es war Ende August, war es soweit. Eigentlich wollte ich mir, wie jedes Jahr, auf dem Pfaffenberger Volksfest einige Maß süffiges Bier der Stöttnerbrauerei reinziehen und dazu einen leckeren Steckerlfisch verputzen. Aber darauf musste ich heuer verzichten.

Der Kampf gegen Napoleon ging vor.

Aber ich war wohl der Einzige aus Mallersdorf, der dem Aufruf gefolgt war. Am Bahnhof wartete außer mir niemand auf einen Zug wohin auch immer. Meine Mutter stand schluchzend wie Tante Josephina bei der Beerdigung von Onkel Loisl neben mir. „Ja mei, ja mei“, jammerte sie unablässig, „Franzl, willst du es dir nicht doch noch einmal überlegen? Was geht dich dieser Napoleon an? Vater braucht schließlich einen Erben für die Fahrschule.“ Und dann heulte sie noch einmal ganz fürchterlich wie ein verlassenes Wolfsjunge und schnaubte krachend in ihr Taschentuch: „Und was ist mit den Enkelkindern? Du bist doch der Einzige, der sie uns schenken könnte.“ Ich schüttelte stolz den Kopf. „Nein Mama, für einen richtigen Mann gibt es kein Zurück. Und außerdem: So schlimm wird es schon nicht werden.“

Bevor der Zug in den Mallerdorfer Bahnhof einfuhr, checkte ich noch einmal den Inhalt meines Rucksacks. Hemden, Hosen, Unterhosen und Socken, eine kleine Tupperdose mit Heftpflaster und Aspirin, Messer, Gabel, Löffel, 2 Rollen Klopapier, eine Zewawischundweg, eine Thermoskanne, gedörrte Pflaumen, Kompass und Feldstecher, eine zweite Brille, ein kleiner Gaskocher, ein Becher, ein Brotzeitmesser, eine Steinschleuder - eben alles, was man so braucht. Obendrauf packte ich das Zweimannzelt, Wanderschuhe und eine Luftmatratze. Als Kopfbedeckung diente mir der breitkrempige Strohhut meines Vaters.

So hätte ich auch ohne Weiteres die Alpen überqueren können.

In einem aus Zeltleinwand genähten Brotsack, den mein Vater schon in Stalingrad dabei hatte, wartete meine Marschverpflegung: Ein Laib Brot von der Klosterbäckerei, ein Stück Geselchtes von der Metzgerei Baumann, drei pralle Negerbeidel und zwei Landjäger vom Gansermetzger sowie zwei Flaschen Helles der Privatbrauerei in Pfaffenberg. In der linken Hosentasche hatte ich ein kleines Riechkissen mit Lavendel, in der rechten eine Zehe Knoblauch. Den Lavendel atme ich immer tief ein, während ich die Zehe zwischen Daumen und Zeigefinger reibe. Ich weiß nicht, wogegen das hilft. Aber es hilft.

 

Der Meeting-Point in Landshut war die Grieserwiese, auf der heute noch zweimal im Jahr die Dult stattfindet. Aus allen Himmelsrichtungen strömten Freiwillige, die der Anti-Napoleon-Bazillus oder was auch immer gepackt hatte. Da die Presse schon seit Tagen lang und breit darüber berichtete, kamen auch jede Menge Schlachtenbummler. Neben den in Kompaniestärke angerückten Reportern von Zeitungen machten sich Radio- und Fernsehleute breit, mit Übertragungswagen, Kameramännern und Kabelträgern. Das dritte Programm sendete live für „Wir in Bayern.“ Sogar die Bild- Bundesausgabe war aus Berlin angereist. Der Rummel wäre nicht größer gewesen, wenn Max I. Joseph, König von Bayern und höchster Trumpf beim Watten, seine Verlobte präsentiert hätte.

Die ganze Crème de la Crème, sozusagen „Tüt Landshüt“ war da, an der Spitze der Oberbürgermeister, der sich durch den riesigen Pulk von Journalisten und Fotografen ans mit vielen weißen und blauen Girlanden geschmückte Rednerpult vorkämpfte. Er klopfte aufs Mikrofon und sagte mit leicht erschöpfter Stimme: „Liebe Brüder und Schwestern Bayerns, liebe Getreuen des Vaterlandes.“ Es war schlagartig mucksmäuschenstill. Der Bürgermeister hob die Hand: „Ihr habt euch heute hier in Landshut eingefunden, um gegen Napoleon anzutreten. Und dafür danke ich euch von ganzem Herzen.“

Heftiges Klatschen der Menge.

„Napoleon will uns die Heimat stehlen“,

Buhrufe und Pfiffe.

„Diesem Monsieur werden wir die Pantalonen stramm ziehen.“

Ich wusste zwar nicht, was Pantalonen sind, aber ich stimmte begeistert ein in den frenetische Jubel, das Gejohle und die ekstatischen „Bravo“-Rufe. Der Bürgermeister hob nochmals die Hand und wieder war es still wie auf dem Westfriedhof bei Dauerregen. „Wir müssen an die Zukunft unseres Heimatlandes denken und es ist uns eine Angelegenheit es Herzens, sie zu verteidigen. Um jeden Preis“, polterte er. „Wir werden nicht nur die nächste Offensive abwehren, sondern angreifen und vernichten!“ Seine Stimme überschlug sich, um die kreischende Menge zu übertönen. „Die Welt wird es euch danken. Und wenn ihr zurück seid, kriegt jeder von euch den bayerischen Verdienstorden und seinen Platz im Geschichtsbuch.“ So ist recht, dachte ich und lächelte. Franz Gabriel, der Held der Franzosenkriege mit jeder Menge Orden an der Brust auf der Schulbank von Deggendorf, bewundert von den schönsten Mädchen Niederbayern. Mindestens.

„Auch“, er hob den Finger und auf einmal klang seine Stimme seltsam brüchig, „wenn ihr fürs Vaterland euer junges Leben lassen müsstet.“ Der Finger fuhr zum Augenwinkel und es sah so aus, als würde er eine Träne wegwischen.

Schlagartig war es vorbei mit der Party-Stimmung. Auch mir war mulmig. Ich spürte leichtes Würgen in der Kehle und meine Hände wurden schweißnass. In meinen Eingeweiden gerann irgendetwas wie saure Milch. Vielleicht war es Angst. Ich holte aus meinem Rucksack einen Flachmann mit Jägermeister (ach ja, das hatte ich ganz vergessen bei der Inhaltsangabe) und schüttete den Inhalt mit einem Schluck herunter. Jetzt ging es mir besser. Alkohol, der kurzlebige Helfer.

Der Oberbürgermeister hatte seine Kunstpause inzwischen beendet. „Ich hätte mir gewünscht, dass noch mehr Söhne und Töchter Bayerns dem Ruf der Heimat gefolgt wären“, sagte er und blickte streng, „zumal ich zu eurer Sicherheit vorsichtshalber die Landshuter Landsknechte mitschicke. Die ziehen ja immer bei der Landshuter Hochzeit durch die Stadt, haben also schon jahrelange Erfahrung im Personenschutz. Ihr werdet froh sein, dass sie dabei sind, denn unterwegs lauern überall  Gefahren und heimtückische Fallen. Außerdem haben wir für diesen Kriegszug Herrn Pfeifer gewinnen können, einen der fähigsten Männer, die zur Zeit am Transfer-Markt zu kriegen sind. Sein Name ist weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt.“

Er schaute kurz auf einen ungefähr 65jährigen, ziemlich schwergewichtigen Zweimetermann, der rechts von ihm stand. Dieser trat einen Schritt hervor, die linke Hand zum Victoryzeichen erhoben. Mit seinem Glatzkopf wie Telly Savallas, den buschigen Augenbrauen wie Theo Weigel und der krachledernen Hose mit den knallroten Hosenträgern machte er schon was her. An seiner Brust an dem blauweißen Hemd mit blauweißen Rauten baumelten unzählige Orden. Respekt.

Sofort stürzten sich einige der Leute, die vorne stand auf ihn, hoben Hefte hoch und schrieen nach Autogrammen. Er wehrte sie lächelnd ab mit den Worten: „Keine Vorschusslorbeeren bitte.“ Er genoss aber sichtlich das lang anhaltende Blitzlichtgewitter.

„Bei ihm seid ihr bestens aufgehoben“, versicherte der Bürgermeister und nickte. „Trotz hoher Ablösesumme war er unser Wunschkandidat für dieses Projekt. Ein Headhunter hat ihn in letzter Sekunde den Österreichern wegschnappen können. Er stand nämlich bei Andreas Hofer unter Vertrag, aber der braucht ihn jetzt ja nicht mehr.“

Eine junge Frau, die neben mir stand, stieß ihren Freund an. „Was meint er?“

„Gott bist du blöd“, antwortete der, „den hat Napoleon doch hinrichten lassen.“

„Warum?“

„Weil er immer so bescheuerte Fragen gestellt hat wie du.“

Der Bürgermeister ergriff Pfeifers rechten Arm und reckte ihn hoch. Neuer Jubel brandete auf. Pfeifer senkte leicht den Kopf und blickte offensichtlich gerührt auf seine Auszeichnungen. Der Bürgermeister hob noch einmal die Stimme: „Er ist ein Meisterschütze und Inhaber des braunen Gürtels in Karate. Er kann fechten wie D’Artagnan und schwimmt wie Johnny Weissmüller“, fuhr der Bürgermeister fort.

„Schwimmen?“, sagte die junge Frau, „wieso schwimmen?“, bekam aber keine Antwort.

„Pfeifer hat das Kommando“, donnerte der Bürgermeister. „Er lebe hoch!“

„Hoch, hoch, hoch“, grölte die Masse.

Der Bürgermeister hob erneut seinen Finger, so wie ich in der Schule, wenn ich ausnahmsweise mal was wusste. „Wenn ihr Pfeifer folgt, so wird er euch zum Sieg führen. Er hat unser volles Vertrauen.“ Wir würden es schon erleben, wenn wir heute Abend in Weihenstephan, nahe Freising, eintreffen, versprach das Stadtoberhaupt. Dort sei auch unser erstes Nachtquartier in geräumigen Fremdenzimmern mit fließend Wasser und Wlan. Der Saal des Bräustüberls sei auch angemietet. Da gäbe es was Leckeres zu essen geben und jede Menge Freibier.

„Ich will auch mit!“ unterbrach ihn eine Stimme aus der Menge. Der Bürgermeister nickte freundlich. „Wir können jeden gebrauchen. Für, ähh“, er unterbrach sich und lächelte kurz darauf stolz, weil ihm das Wort wohl gerade erst eingefallen war, „für Last-Minute-Freiwillige hat das Anmeldebüro noch bis kurz vor dem Abmarsch geöffnet.“

Dann winkte er noch einmal jovial und verließ das Podium.

Er wurde er von den wartenden Reportern empfangen, die ihn sofort mit Fragen überschütteten: „Wie lange müssen die Frauen rechnen, bis die Frauen ihre Männer wieder in die Arme schließen können?“, fragte einer sichtlich aufgeregt, denn sonst hätte er die Frage wohl besser formuliert.

„Ich bin kein Prophet. Als 1618 der Prager Fenstersturz einen Krieg auslöste, glaubte niemand, dass man dreißig Jahre kämpfen würde bis zum Westfälischen Frieden. Aber ich rechne fest damit, dass Napoleons Armee zurückgeworfen wird, ehe das Jahr zu Ende geht und wir alle an Weihnachten zusammen ein Ganserl verspeisen können.“

„Gibt es ein großes Fest?“, wollte ein anderer Reporter wissen.

„Wir haben beim Breitlinger in Pasing schon ein paar Termine geblockt. Genauer gesagt die Woche vor Weihnachten. Dort werden wir die glückliche Rückkehr unserer Helden und den Sieg über Napoleon feiern. Einige Sponsoren haben schon zugesagt. Aber wir könnten noch welche brauchen. Ich habe selbst für diesen Feldzug eine größere Spende aus meinem persönlichen Etat hergegeben.“

„Warum engagieren Sie sich so für dieses Vorhaben?“

„Wir Landshuter haben mit Napoleon noch eine alte Rechnung offen. Viele von euch werden es noch wissen. Es war am 21. April 1809, als Napoleons Soldaten mehrere Stadttore und Türme unserer Stadt so stark beschädigten, dass wir sie abreißen mussten. So etwas vergessen wir Landshuter nie!“

Vor laufender Kamera schrie ein Mann ins Mikrofon eines Reporters: „Wir werden ihm seine Hammelbeine schon stutzen, Hammelbeine, französische ...“

Er erhielt dafür viel Beifall der Umstehenden.

„Und wie werden wir erfahren, wie es unseren Helden ergeht?“, wollte ein Reporter des „Straubinger Tagblatts“ wissen.

„Sie hätten ja einen Korrespondenten mitschicken können“, antwortete der Bürgermeister bissig, „aber das macht bisher nur eine einzige Zeitung. Und die ist leider nicht aus Niederbayern. Sie sind also auf andere Kommunikationswege angewiesen.“ Jetzt blickte er wieder etwas freundlicher. „Aber wir haben etwas Besonderes organisiert. Sozusagen eine Art Luftbrücke.“ Der Bürgermeister schmunzelte. Ihm gefiel wohl sein Bonmot. „Im Tross werden insgesamt drei bestens ausgebildete fronterfahrene und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Brieftauben mitreisen, die uns in regelmäßigen Abständen Berichte von der Front bringen werden.“

„Hmh lecker, gefüllte Taube“, murmelte der Reporter.

„Was haben Sie gesagt?“, blitzte ihn der Bürgermeister an.

„Ach nichts“, murmelte der Reporter.

Nach der ergreifenden Abschiedsrede des Bürgermeisters wurde den Geschäftsleuten und mehreren Kleinsponsoren der Stadt, die diesen Feldzug unterstützten, die Möglichkeit gegeben, ihre Produkte vorzustellen. Als erster trat Herr Kaiser, Gebietsleiter einer Versicherung aus zwei nichtbayerischen Städten ans Mikrofon. „Wir, die offiziellen Werbepartner, haben keine Mühen und Kosten gescheut, euch mit einer größeren Geldspende zu unterstützen. Aber wir wissen, das Geld ist bei euch gut angelegt. Wir werden alles mit großem Interesse verfolgen. Falls noch jemand eine Lebensversicherung abschließen möchte, ich habe ein paar Anträge zufällig dabei.“ Er wedelte mit einem Stapel Papier. „Also, macht uns keine Schande. Toi, toi, toi! »

Als nächstes war der Landshuter Tourismusverein an der Reihe. Eine etwas dickliche Frau mittleren Alters im Dirndl sagte: „Ihr werdet den Namen unserer Stadt in die weite Welt hinaustragen. Dafür geben wir euch ein paar Plakate und Flyer mit, die ihr überall ankleben und verteilen könnt, um Touristen aus ganz Europa für die nächste Landshuter Hochzeit anzulocken.“

Dann erzählte sie die Geschichte, die alle Anwesenden, vielleicht mit Ausnahme der Reporter aus Berlin, eh alle kannten: „Die Landshuter Hochzeit, bei der die ganze Stadt in die Geschichte eintaucht, kann auf eine sehr lange Tradition zurückblicken. In Erinnerung an die prunkvolle Vermählung von Georg dem Reichen und der polnischen Königstochter Hedwig im Jahre 1475 findet im Turnus von ungefähr vier Jahren dieses mittelalterliche Spektakel statt und versetzt Landshut zurück ins Mittelalter.“ Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber die Menge reagierte so erkennbar genervt, dass sie es unterließ.

Damit war der offizielle Teil beendet. Pfeifer drängte sich, gefolgt vom Bürgermeister, durch die Medienmeute und dann durch die andern Leute. Er genoss sichtlich das Bad in der Menge und ließ sich von wildfremden Menschen als Retter Bayern umarmen. Dann gab er bereitwillig Autogramme, beschrieb Tennisbälle und warf sie in die Menge.

Dann folgte der Bittgottesdienst. Direkt am Ufer der Isar war ein üppig geschmückter Altar aufgebaut. Der Bischof aus Freising, in einen schneeweißen Talar gekleidet, ließ es sich nicht nehmen, uns persönlich göttliche Grüße auszurichten und den allerhöchsten Segen mit auf den langen Weg zu geben. Dann breitete er seine Arme aus und sagte: „Wir feiern jetzt noch gemeinsam die heilige Messe.“

Die Fürbitten wurden von der Frau eines der zukünftigen Helden vorgetragen. „Heiliger Geist, wir bitten dich, verschone uns vor dem bösen Feind Napoleon.“ „Wir bitten dich erhöre uns“, murmelten alle anderen

Als die schwarze Gospelgruppe, wo die plötzlich herkam, weiß ich nicht, „Amazing Grace“ anstimmte, summten klatschten alle ergriffen mit. Währenddessen gingen Ministranten mit einem Klingelbeutel durch die Menge und sammelten. Fast jeder öffnete den Geldbeutel. Als die Frau neben mir fragte, wem die Geldspende zugute kommen würde, antwortete der Junge: „Das Geld kriegen die Familien, deren Väter auf dem Feld der Ehre fallen. So Gott will.“

Die Frau murmelte leise: „Bitte lieber Herrgott, lass meinen Rigobert heil.“ Eine Stunde später er teilte der Vertreter Gottes auf Erden den bischöflichen Segen. Fast alle, bis auf die Evangelischen und sonstige Heiden, knieten nieder und bekreuzigten sich.

Ich fühlte mich sehr allein, so mutterseelenallein mit meinem Rucksack auf dem Buckel und so einsam wie ein neuer Schüler am ersten Schultag im Pausenhof.

„Geht nun alle in Gottes Namen“, schloss der Bischof seine Andacht.

„Amen“ hallte es über den ganzen Platz.

Auch ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel. „Gott, steh mir bei“, und machte ein Kreuzzeichen. Plötzlich schossen mir Tränen in die Augen. Reiß dich zusammen, ermahnte ich mich. Ich kramte ein Taschentuch aus meiner Hosentasche und wischte mir die ersten Tränen weg. Die folgenden versuchte ich zurückzudrängen, aber ich schaffte es nicht. Immer wieder rieb ich mir mit den Handballen über die Augen. Immer mehr Tränen kullerten über die Wangen.

Hätte ich einen fliegenden Teppich oder ein anderes Fahrzeug gehabt, wäre ich sofort entflohen. Ich schämte mich dafür. Welche Blamage. Eigentlich war Jammern nie mein Ding. Als ich beispielsweise mit zehn in das Internat kam, habe nicht ein einziges Mal geweint. Darauf bin ich immer stolz gewesen. Jetzt jedoch spürte einen Kloß im Hals und versuchte vergeblich ihn hinunter zu schlucken. Aber das erbärmliche Schluchzen aus meiner Kehle konnte ich einfach nicht unterdrücken.

Neben mir standen mehrere ältere Frauen und beobachteten mich.

„Schaut euch den armen Bub an, wie er weint“, sagte eine.

Franz, reiß dich zusammen, bleib stark! Umkehren kommt nicht in Frage. Dich hat niemand gezwungen, bei diesem Abenteuer mitzumachen. Es war dein freier Wille und da musst du jetzt durch.

Diese Gedanken und die Vorfreude auf die Spesen, die Orden und die Geschichtsbücher bauten mich wieder auf.  Franz Gabriel. Vor dir hat es niemand aus Mallersdorf geschafft, in einem Geschichtsbuch zu stehen, wenn man einmal von Mathilde von Lupburg absieht, aber die gehört ja eher nach Regensburg. Darauf kannst du stolz sein, Franz. Schon jetzt, obwohl ja noch gar nichts passiert ist.

Die Frauen schienen jedoch die deutliche Veränderung meiner Gemütslage nicht bemerkt zu haben.

„Er ist ganz allein und ein halbes Kind. Der ist ja noch nicht einmal 16 Jahre alt“, sagte eine andere. „Aber bald“, murmelte ich. Genau gesagt am 19. Januar, fügte ich in Gedanken hinzu.

„Ich würde meinen Sohn in diesem Alter nie und nimmer in den Krieg ziehen lassen“, hörte ich eine sagen.

„Diese Rabeneltern“, mischte sich eine weitere ein.

„Er ist bestimmt ein Scheidungskind“, vermutete wieder die zweite.

„Oder er ist einfach von zu Hause abgehauen.“

„In einem geordneten Elternhaus passiert so etwas nicht“, wusste eine vierte.

„Ob er durchhalten wird?“, fragte die erste.

„Ich gebe ihm nicht viel Chancen“, meinte noch eine.

„Gütiger Gott, steh dem Jungen bei.“

Ich schaff das schon, wollte ich eigentlich sagen, schwieg aber.

„Der Kleine wird mit einem unheilbaren Trauma zurückkehren, wenn er die Berge von Leichen sehen wird.“ Ein tiefer Seufzer einer der Frauen drang an mein Ohr. „Er wird psychisch daran zerbrechen. Ein seelisches Wrack mit Kriegstrauma.“

„Oder mindestens posttraumatischen Belastungsstörungen.“

„Wenn er überhaupt zurückkehrt.“

„Er wird nie mehr seinen Seelenfrieden finden.“

„Ziemlich hart für so einen Jungen, mit so etwas umzugehen. Mein Mann hat heute noch Alpträume vom Krieg in Afghanistan.“

„Wenn er tot ist, dauert es nicht lange, bis er vergessen ist.“

„Mein Mann ist erst nach fünf Jahren Kriegsgefangenschaft heimgekehrt.“

„Nein, diese Eltern!“

Die Frauen konnten sich gar nicht mehr beruhigen.

„Da hilft nur noch für ihn zu beten.“

„Sollten wir nicht lieber die Polizei holen?“

Ich zuckte zusammen, denn in diesem Moment legte mir jemand die Hand auf die Schulter. Aber es war nicht die Polizei, es war ein alter Mann, der mich freundlich anlächelte und sagte: „Kopf hoch, mein junger Freund. Und Respekt, dass junge Männer wie du so viel Mut haben und mit aller Kraft fürs Vaterland kämpfen wollen.“

„Es ist eine Ehre für mich, gegen Napoleon kämpfen zu dürfen“, nuschelte ich.

Der Chor stimmte das Lied „Großer Gott wir loben dich“ an. Es war so, als würden die Herzen von Engeln jubilieren.

 

3

 

Es war der Schlussarkkord. Die Menschentraube löste sich langsam auf. Nichts wie weg, dachte ich, bevor tatsächlich die Bullen kommen. Die meisten Menschen drängten sich um die Wochenmarktstände und Dultbuden, die über die ganze Grieserwiese verteilt waren. Überall standen kleine Schlemmerhütten herum, in denen es Softeis, gebrannte Mandeln, Crêpes, Zuckerwatte, Türkischen Honig oder Brunner-Würstchen in der Semmel gab.

Die Stände mit Hüten, Hosenträgern und Abwaschbürsten waren dicht umlagert. Es herrschte ein Höllenlärm. Alle schienen durcheinander zu schreien. Fieranten boten brüllend ihre Waren an. „Treten sie näher, treten sie heran, hier werden sie genauso beschissen wie nebenan.“ Es fehlten noch nicht einmal die Hamburger Fischmarktschreier, die ihre geräucherten Aale und Bananen unters Volk warfen.

Ich schlängelte mich in aller Eile durch und versuchte im Strom der Menschen unterzutauchen, in der Hoffnung, dass niemand auf mich achten würde. Aber ganz konnte auch ich dem Konsumzwang nicht widerstehen: Zu meinen Landjägern und Negerbeideln gesellte sich ein Glas mit Essiggurkerln. Wer weiß, wann ich wieder an solche Leckerbissen kommen werde? An einem anderen Stand deckte ich mich mit Müsliriegel und gerösteten Erdnüssen ein. Alles landete im Rucksack, der immer strammer wurde.

Am westlichen Rand der Wiese hatte die Brauerei Wittmann ein Bierzelt aufgestellt, so wie bei jeder Dult. Die Blaskapelle der Stadt Landshut hatte extra einen wichtigen Fernsehtermin abgesagt und spielte drinnen um ihr Leben. Ich kaufte mir eine Maß Bier und ein halbes Hendl zum „Vorglühen“ auf wahrscheinlich magere Zeiten und schob mich durchs Gewühl, vorbei an den Lotteriestände und den Schießbuden, wo man für eine Mark fünf Schuss auf die Visage von Napoleon abgeben konnte. Es hätte mich natürlich schon gereizt, sozusagen übungshalber. Aber es war mir zu teuer und ich wollte nicht, dass mich noch jemand nach meinem Alter fragt.

Fahrgeschäfte, wie Riesenräder, Autoscooter und Karussells sollten wohl die Kinder ablenken und den Abschied von ihren Vätern erleichtern. Der Lärm des Orchestrions aus den Lautsprechern mischte sich mit dem Gekreisch der Kinder auf dem Kettenkarussels und der riesigen Achterbahn mit der Aufschrift: „Wilde Maus.“

Als ein fliegender Händler mit Hunderten von Luftballons in der Hand an einer Familie vorbeikam, zog ein kleines Mädchen ihren Vater am Jackett und schrie: „Papi, so einen will ich auch haben!“ und zeigte auf ein besonders schön gestaltetes Stück: Napoleon hockte in blauer Uniform auf einem schneeweißen Pferd, die rechte Hand wie immer in der Jacke versteckt. Als der Händler dem Mädchen die Schnur in ihr kleines Händchen drückte, war es schon passiert: Das Mädchen ließ die Schnur los, der Ballon löste sich und Napoleon flog samt Schimmel gen Himmel. Das Kind fing an, fürchterlich zu weinen. Mit einem Sprung wollte der Vater den Ballon noch festhalten. Aber es war zu spät. Wütend hob er die Faust und schrie dem davon schwebenden Stück Gummi nach: „Ja, hau du nur ab, du Bazi. Flieg wohin zu willst. Wir kriegen dich. Wir drehen jeden Stein um und dir dann deinen Hals!“ Er erntete johlenden Beifall und alle schlugen ihm auf die Schulter. Ich nicht, ich wollte ja nicht auffallen.

Mitten in der Menge stand ein Inder mit einem riesigen Strauß roter Rosen und fragte jeden Mann: „Hallo, wolle Rose für Frau?“ Kaum einer ließ sich lumpen und kaufte seiner Liebsten ein kleines duftendes Abschiedsgeschenk.

Eine Wahrsagerin machte dicke Kasse, indem sie die Zukunft aus der Hand las. Natürlich wollten alle wissen, ob sie heil zurückkehren würden. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten wir wohl nichts zu befürchten, wie kurz die Lebenslinie auch immer war. Im Vorbeigehen hörte ich nur: „Du wirst als Held zurückkehren“ und „die Frauen lieben dich.“ So was hört doch jeder gern, oder?

Die Hauptattraktion war das Geschäft mit dem „Hau den Lukas.“ Ein schlauer Schaubudenbesitzer hatte ihn umgebaut zu „Hau den Bonnie.“ Er schrie: „Macht ihn fertig! Gebt ihm was auf den Dreispitz! Holt den Hammer raus und immer druff!“ Vor allem Jugendliche prügelten sich um das schwere Schlaggerät und ließen es auf den gefederten Kopf sausen, der mit ein wenig gutem Willen durchaus als Kaiser der Franzosen zu erkennen war. Wenn der Schlag stark genug war, wurde dies mit einem Knall belohnt und aus einem Lautsprecher ertönten die erste Töne der Marseillaise.

Ich strafte das Ganze natürlich mit Verachtung. Ich würde ihn mir schließlich höchstpersönlich vorknöpfen und nicht mit einem Holzkopf vorlieb nehmen.

Aber es gab in all dem Trubel auch stillere Augenblick: Herzzerreißende Abschiedsszenen und Augenblicke voller Zärtlichkeit, liebevolle Umarmungen, leidenschaftliche Küsse. Besorgte Ehefrauen drückten ihre Helden noch ein letztes Mal. Nicht nur ihnen standen Tränen in den Augen, sondern auch jedem, der es sah. Ein kleiner Junge, nicht älter als fünf, mit einem Lebkuchenherzen mit der Aufschrift „Vati kommt bald wieder“, schluchzte immerfort. „Daddy, geh’ nicht weg. Lass mich nicht allein“ und umschlang seinen Papi, der ebenfalls herzergreifend weinte. „Ja, Papi ist bald wieder da. Es ist ja nicht so schlimm. Es ist ja nur für ein paar Wochen.“

Ich betrachtete es voller Rührung. Dann hörte einen spitzen Schrei und als ich in die dunkle Lücke zwischen zwei Buden blickte, sah ich, dass dies durchaus kein Klageschrei einer verzweifelten Mutter war, sondern etwas ganz anderes. Ich guckte ganz schnell woanders hin.

Da sich nicht die erforderliche Anzahl von Freiwilligen aus Landshut und Umgebung gemeldet hatten, waren viele Männer, einige sogar aus Oberbayern und Franken, zwangsrekrutiert worden.

Ich erblickte einen Mann mit einem T-Shirt, auf dem stand: „Einmal Clubberer, immer Clubberer.“ Seine schon etwas ältere hochschwangere Frau bekam einen hysterischen Anfall nach dem anderen. Sie stieß Schreie aus, wie eine verschleierte Türkin, die einen Toten beweint. „Ich lass dich nicht gehen! Ich lasse es nicht zu, dass dein Kind ohne Vater aufwächst.“ Dem FCN-Fan war das offenbar peinlich. Er blickte sich mit rollenden Augen um und schüttelte ständig den Kopf. „Nun hör doch endlich auf“, sagte er, „Hauptsache, wir steigen nicht ab.“

Einer meiner zukünftigen Kameraden ermahnte seinen Sohn, der in etwa so alt war wie ich: „Pass gut auf Mammi auf. Solange ich weg bin, bist du der Herr im Haus.“

„Geh nicht so lange fort  wie letztes Mal“, flehte weinend ein kleines Mädchen, mit langen Zöpfen, das älteste von fünf Kindern, die wie die Orgelpfeifen neben der Mutter, die dem Jüngsten die Brust gab. „Das kommt ganz auf Napoleon an. Aber diesmal machen wir mit ihm kurzen Prozess. So Gott will.“ Er zögerte und fügte dann zu seiner Frau gewandt hinzu: „Aber dies Mal musst du dich wohl um den Christbaum kümmern.“

Er beugte sich zur kleinsten der Orgelpfeifen und fragte:

„Was soll dir Pappi als Weihnachtsgeschenk mitbringen?“

„Vom Schwarzwald eine Kuckucksuhr. Eine kleine wenigstens.“

„Mach ich.“ Jetzt sagte auch seine Frau etwas: „Solltet ihr bis nach Dijon kommen, dann bring ein paar Gläser von dem scharfen Senf mit. Recht lange wird der vom letzten Mal wohl nicht mehr halten. Also denk dran!“ Der Mann nickte stumm.

„Mir kannst du eine Schachtel Nougat mitbringen, wenn ihr nach Montélimar kommt. Die letzten sind schon alle“, kreischte die Älteste.

„Na klar!“

„Aber nur die mit den ganzen Mandeln.“

Montélimar? Wo war das denn?

„Was soll ich noch mitbringen?“, fragte der Mann und klang leicht verzweifelt, „vielleicht ein Fläschchen Bordeaux?“

Seine Frau blickt ihn fragend an.

„Meinst du, dass ihr so weit kommt?

Er hob die Schultern.

„Na ja, zum Burgunder wird’s schon reichen.“

Ich verstand kein Wort, nahm mir aber vor zuhause im Atlas nachzugucken, wo das alles lag, von dem die da eben sprachen.

Eine Frau nahm sich einen der Landshuter Landsknechte zur Seite: „Passt ja auf meinen Mann auf“, hörte ich sie sagen, „er ist zwar kräftig wie eine Eiche, aber er kann kein Blut sehen. Dann haut er immer ab und verschwindet spurlos.“ Von der anderen Seite redete eine andere auf ihn ein. „Und mein Alois verträgt keinen Schnaps. Wenn der besoffen ist, dann Gnade euch Gott.“ Der Soldat kratze sich am Kopf, sagte aber nichts.

Eine Frau, eine pralle Mittvierzigerin mit tiefem Dekolleté, tätschelte ihrem Gatten den Hintern, „mach mir keine Fisimatenten“, sagte sie und drückte ihm irgendetwas in die Hand, was ich nicht erkennen konnte. Sah aus wie ein kleines Heftchen.

Fisimatenten? Was war das noch? Ich kramte in den Erinnerungen an den Französischunterricht. Ach ja. Ich erinnerte mich, wie unsere Lehrer mit glänzenden Augen erzählte, dass es bei französischen Soldaten üblich sei, junge Mädchen mit der Einladung „Visitez ma tente“ anzulocken. Und da das hieß, „besuch mich mal in meinem Zelt“ ermahnten deutsche Eltern die jungen Dinger mit den Worten: „du bist um zehn zu Hause und mach mir keine Fisimatenten.“ Na, unser Französischlehrer ist auch schon lange nicht mehr im Internat. Eines Tages war er plötzlich weg. „Zurück nach Frankreich“, sagte der Rektor, „er möchte lieber an einer Mädchenschule unterrichten.“ Aha, dachte ich, wohl wegen der Fisimatenten.

„Und du bist mir wirklich nicht böse, dass ich dich mit den Kindern mal wieder allein lasse“, sagte der Mann mit dem Heftchen. „Nein, nein, Michael, ich will dir nicht im Weg stehen“, antwortete die dralle Schönheit, „meinen Segen hast du. Du bist ja schon seit Wochen ganz hibbelig. Aber bring nicht wieder einen Tripper mit.“

„Mach dir keine Sorgen“, lachte ihr Gatte, „das tut so weh beim Bieseln.“

Die Frau lächelte. Vielleicht freute sie sich ja auch schon auf eine sturmfreie Bude. Jedenfalls sagte sie: „Ruf kurz an, wenn du zurück bist.“

Ein anderer Mann, ganz offensichtlich ein Bayer, ein wahres Prachtexemplar von über drei Zentner, auf dem Kopf ein Trachtenhut mit Gamsbart, mit einem Bart wie König Ludwig und einer Lederhose, die so fettig war, dass er sie abends neben das Bett stellen konnte, knurrte seine oktoberfestmäßig gestylte Ehefrau an: „Weibl, die Pflicht ruft!“

„Immer gegen die Franzosen“, stöhnte sie.

„Ja, so ist das nun mal.“

Was der wohl vorhat, fragte ich mich. Ich sollte es bald erfahren.

Ein Böllerschuss beendete alles. Über Lautsprecher wurden wir aufgefordert, uns an bestimmten Plätzen aufzustellen. Überall standen knapp bekleidete junge Frauen mit Schildern wie bei der Formel 1. Auf diesen stand: Schützenvereine, Marketenderinnen, Köche, Jäger, Bauern, Stallknechte, Freiwillige Feuerwehr, sogar ein Schild mit „Priester“ war vorhanden. Aber hinter dem stand niemand. Ich ging zur Abteilung „Fahrlehrer“ Dann fuhren mehrere, mit Girlanden behangene Ochsenkarren vor. Sie waren mit Kartoffelsäcken, Gemüse, Wein- und Bierfässern sowie Kisten voller Obst geladen.

An einem Wagen konnte ich das Werbeschild eines Landshuter Feinkostladen erkennen. Die Seiten der Karren waren geradezu bepflastert mit Stickern von Kleinsponsoren und anderen Kreditgebern. Autohaus Semmelmeier, konnte ich erkennen, und „Das Radlerparadies.“ Die „Landshuter Zeitung“ war mit Hunderten von Wimpeln vertreten, die lustig im Wind flatterten.

Zwischen den Ochsenkarren tummelten sich Esel, bepackt mit Getreidesäcken. Als letztes kamen Ziegen, Schafe und kunstvoll geschmückte Kühe. Für das Glas Milch zwischendurch, vermutete ich. Es war wie beim „Viehscheid“, wenn Schafe oder Kühe im Herbst von der Sommeralm getrieben werden. Auf einem großen Leiterwagen stand ein riesengroßer Kessel. Aha, dachte ich, die Gulaschkanone. Der letzte Planwagen, der so aussah, als wäre er auf dem Weg in die Rocky Mountains, war das Lazarett, wie man unschwer am aufgemalten roten Kreuz erkennen konnte.

Bisher hatte ich noch niemanden getroffen, den ich kannte.

Über den Lautsprecher meldete sich noch einmal der Bürgermeister: „Achtung! Achtung! Wegen überraschender Erkrankung eines Teilnehmers wird kurzfristig die Stelle eines Fahnenträgers neu vergeben.“

„Der hat bestimmt rechtzeitig den Braten gerochen“, hörte ich einen Mann sagen.

Bevor ich die nächsten acht Wochen Kartoffeln schäle, Geschirr abwasche oder mit jemand den Lebensmittelkarren ziehe, mit so einem wie mein Freund Gustl, der immer nur so tut, als würde er mitmachen und mich immer allein schuften lässt, so dachte ich, wäre das doch ein Job für dich, Franz. Außerdem gab es vielleicht ein zusätzliches Taschengeld. Und ich malte mir Aufstiegschancen aus: Vom Fahnenträger zum Feldmarschall oder so ähnlich.

Und ich hatte recht: Es gab tatsächlich ein Zubrot. Zwar nur auf Mindestlohnbasis, aber immerhin. Fünf Minuten später hatte ich eine Schärpe zum Tragen der Fahne um den Hals. Und ich machte was her, ganz ohne Übertreibung. Zwar war ich damals noch nicht ganz ausgewachsen, aber schon ziemlich groß für mein Alter. Mit stolzgeschwellter Brust schwenkte ich die Bayernfahne, die so ähnlich aussieht wie die Vereinsfahne von 1860 München, aber um keinen Preis mit ihr verwechselt werden darf. Gut gemacht, Franz, dachte ich und grinste in die Runde. „Du hast die Pole-Position.“

Inzwischen standen alle in den Startlöchern. Pfeifer war unübersehbar. Er saß als einziger auf einem Pferd und grinste, als hätte er gerade auf der Galopprennbahn in München-Riem die Bavarian Classics gewonnen. Als er an mir vorbei ritt, blickte er mich kurz an und fragte: „Ready for Takeoff?“

Stolz antwortete ich: „Yes, Sir. Ready.“

„Wir sind in großer Eile. Also, aufstellen in Reih und Glied“, brüllte er. Dann „Five minutes to go.“ Dabei hielt er die rechte Hand hoch.

Ich vermute, dass Pfeifer ein Speedwayfan war oder vielleicht sogar selbst Rennen gefahren ist. Wie ich darauf komme? Ich war mit meinem Vater öfter bei solchen Rennen. Ich liebe diesen Benzingeruch. Und kurz vor dem Start ertönen immer diese Kommandos. Als Pfeifer fünf Minuten später tatsächlich das Kommando „Gentlemen, start your engines“ gab, wusste ich, dass ich richtig lag..

Bevor es los ging, musste Pfeifer noch einmal energisch eingreifen, indem er die Landshuter Landsknechte aufforderte, sofort Aufstellung zu nehmen und damit aufzuhören, für die Fotografen einen Igel zu bilden wie die Legionäre im Alten Rom. Er sagte nur: „Lasst den Quatsch!.“ Die Landsknechte gehorchten. Sie salutierten, stellten sich in einer Reihe auf und bellten wie aus einer Kehle: „Möge der Kampf beginnen.“

Endlich, dachte ich. Raketen wurden abgefeuert, Bengalos brannten und qualmten. An der Isarpromenade knallten Böller. Irgendjemand musste eine Stinkbombe geworfen haben, jedenfalls roch es stark danach. Wenn die jetzt schon so feiern, schoss es mir durch den Kopf, welches Feuerwerk werden sie wohl erst abbrennen, wenn wir als Sieger aus dem Krieg zurückkehren? So wird hier eigentlich nur gefeiert, wenn der EV Landshut deutscher Eishockeymeister wird.

Ein letztes Winken noch, ein entsetzliches Hurragebrüll der Landshuter Knechte und der Jubelschrei der Massen, dann setzte sich die Karawane nach dem Befehl „vorwärts, im Gleichschritt, marsch!“ in Bewegung. Noch etwas ungeordnet gehorchte die Truppe, wie bei der Bundeswehr üblich auf „links, zwo, drei, vier.“ Dass es nicht auf Anhieb klappte, lag wohl daran, dass traditionell in Bayern alles lieber auf rechts beginnt, folglich auch jeder Marsch. Das wird Pfeifer noch mit uns üben müssen, vermutete ich.

 

 

 

 

4

 

Na ja, das ganze zog sich drei Stunden länger hin, als eigentlich geplant, was aber für weiß-blaues Kaiserwetter, in dem unsereins lieber im Biergarten sitzt, als in den Krieg zu ziehen, einigermaßen pünktlich war.

„Ja, um Maria Geburt, ziehen die Soldaten furt“, hörte ich die Stimme eines alten Mütterchens sagen, die kurz darauf von der Stadtkapelle übertönt wurde, die uns bis zu den Toren der Stadt mit ,Muss i denn, muss i denn, zum Städtele hinaus’ begleitete. Wie bei den Fischer-Chören sangen alle mit: „Wann i kumm, wann i kumm, wann i wieder, wieder kumm, kehr ich ein mein Schatz bei dir.“

Leider zeigte die Kapelle nicht ihre Bestform und spielte das Lied so langsam wie einen Beerdigungsmarsch, der sogar Grabsteine zum Weinen gebracht hätte. So war es schlicht unmöglich, den Gleichschritt zu wahren, also ging jeder, wie er wollte.

Der Grund für die eher gemächliche Interpretation des schönen alten Volksliedes wurde mir klar, als ich nach hinten blickte. Gleich hinter der Musikkapelle schlich der alte Bischof, geschützt vor der glühenden Sonne unter einem Baldachin und einer Monstranz in den Händen. Er hatte seinen Rollator zwar dabei, konnte aber wohl nicht schneller.

Es war ohnehin mühsam genug für den Zug, sich durch den nicht enden wollenden Strom von Zuschauern zu schlängeln und sich immer wieder loszureißen, wenn sich weinende Frauen an die tapferen Helden klammern oder einen Kuss auf die Wange drücken wollten, sozusagen als Glücksbringer. Mir flimmerten die Augen von den Hunderten von weißen Taschentüchern, mit denen gewedelt wurde und der Konfettiregen, der von den Balkonen nieder rieselte, nahm uns die Sicht. Kurz vor der Stadtgrenze erwarteten uns die Cheerleaders der Straubing Spiders, bildeten ein Spalier und wedelten nicht nur mit ihren Pompons.

Die ersten hundert Meter hatte ich, wie ein Tamburin sein Zepter, meine Fahne durch die Luft segeln lassen. Dann aber ließ ich sie doch lieber stecken, denn es war doch anstrengender als ich erwartet hatte und auch nicht ganz ungefährlich. Und versichert war ich ja auch nicht.

Auf der staubigen Straße marschierten wir entlang der Isar in Richtung Westen über Viecht und Weixerau und über Eching nach Moosburg, eskortiert von den Landsknechten, die uns als lebende Schutzschilder gegen Angriffe von der Seite dienen sollten – vor wem auch immer. Aber vielleicht war es doch eine sinnvolle Maßnahme, denn unser Haufen ähnelte eher einer Gruppe Volkswanderer oder einer Fußwallfahrt nach Altötting oder sogar, auch, wenn das vielleicht etwas übertrieben scheint, den Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten ins gelobte Land als einer Furcht einflößenden Abteilung Elitesoldaten auf der Jagd nach Napoleon.

Schon kurz hinter Moosburg fiel mir ein seltsamer Mensch auf, wenn es dann hoffentlich ein Mensch war und nicht der, den er darstellte. Der Mann trug einen roten Umhang, eine ebensolche Kappe, trug eine Napoleon-Maske und schleppte einen langen, schwarzen Schwanz hinter sich her. Er fuchtelte mit einem Dreizack herum, hüpfte unablässig neben uns her und schrie „Vive la Tour de France“, worauf ich mir absolut keinen Reim machen konnte. Auch neben mir tänzelte er herum und wedelte mit seiner komischen Waffe. „Gleich kommt die Flamme rouhouge“, schrie er, „gleich kommt die Flamme rouhouge“ und dann flüsterte er mir zu: „Brauchst du französisch Geld? Isch mach dir gute Kurs.“ Aber der komische Kerl begleitete uns nur bis nach Weihenstephan, danach sah ich ihn erst wieder bei einer Fernsehübertragung der „Vuelta d’Espana.“

Kurz hinter Landshut hatte ich mein erstes „Déjà-vue“, wenn man so will, denn ich sah ihn wieder, den Dreizentnermann von der Grieserwiese, dem mit der speckigen Lederhose und dem Gamsbarthut. Ihm fiel eine junge Frau um den Hals, küsste ihn schmatzend und jubelte freudestrahlend: „Endlich, Luggi, endlich allein“, was ich nicht ganz nachvollziehen konnte, denn wir waren zwar nicht viele, aber doch immerhin. Dann reihte sie sich neben ihm ein und marschierte mit ihm im Gleichschritt. So hat halt jeder seinen ganz persönlichen Grund in den Krieg zu ziehen.

Ich strotzte geradezu vor Unternehmungslust und wollte allen zeigen, was so ein Mallersdorfer drauf hat. Und wer zuerst kommt, kriegt das beste Bett. Deshalb legte ich ein ordentliches Tempo vor. Als Pfeifer sah, dass meinen langen und schnellen Schritten niemand folgen konnte, bremste er mich ein. „Nur langsam, mein junger Freund, du darfst dich nicht schon auf den ersten Kilometern verausgaben“, sagte er überraschend freundlich, „das Tempo kann ja kein Mensch durchhalten. Es liegen noch 420 Kilometer vor uns.“ Aber gerade deshalb müssen wir doch Gas geben, dachte ich, aber ich sagte nichts. Er musste es ja wissen, er war ja schließlich der Chef.

Gegen Abend, im Westen versackte gerade die Sonne wie ein Spiegelei am Horizont, erreichten wir unser Tagesziel: Weihenstephan, ein kleiner Ort in der Nähe von Freising. Er ist bekannt für sein süffiges Bier, sahnige Joghurt und frische Butter und war deshalb als Etappenziel mehr als geeignet. Den letzten Kilometer legten wir schneller zurück, einmal wegen des stechenden Durstes und zum anderen, weil der Bischof inzwischen rechts abgebogen war. Der wohnt nämlich dort auf einem Berg in einer geräumigen burgähnlichen Behausung.

Nachdem die Tiere versorgt waren und wir die Fremdenzimmer bezogen hatten, drängten sich alle in den selbstverständlich blau-weiß geschmückten Saal, der aus allen Nähten platzte, aber gerade eben groß genug war für unsere Truppe.

Alle waren gespannt, was uns dieser Pfeifer wohl zu sagen haben würde und es herrschte ein ziemlich heftiges Gerangel um die besten Plätze, an dem ich mich nicht beteiligte. Mir liegen solche Wirtshaus-Raufereien nicht und ich finde sie auch ziemlich unzivilisiert. Ich sah mir lieber die Marketenderinnen an, von denen mir die eine oder andere sehr gut gefiel. Sie kümmerten sich, so wusste ich, in jeder Beziehung um das kämpfende Personal, hielten die Männer bei Laune und räumten nach der Schlacht auf. Weniger als eine Minute braucht eine geübte Marketenderin, um eine Leiche bis auf die Unterwäsche zu entkleiden und ihr alles noch verwertbare Gut abzunehmen. Sie beherrschen dieses Kunststück natürlich auch am lebenden Objekt.

Aber das Damen-Herrenverhältnis war ziemlich ungünstig, auf 200 Männer kamen nur 50 Frauen, von denen nicht wenige schon auf den wenigen Meilen von Landshut nach Moosburg in feste Hände geraten waren. Es hatte auch schon das erste Stutenbeißen um die stattlichsten Mannsbilder gegeben.

Mein Vater hat schon recht, wenn er sagt: „Viele Titten, viel Ärger.“

Ich war natürlich noch viel zu jung, um bei der Jagd auf Schürzen mitmischen zu können, aber ganz ohne Hoffnung war ich nicht, vielleicht sogar bei einer der schönen Frauen zu landen, einer aus der größeren Gruppe mit den weißen Hauben, auf denen vorne in der Mitte ein Rotes Kreuz aufgestickt war. Sie hatten sich etwas abgesondert und es sich in einer hinteren Ecke des Saals bequem gemacht. Medienvertreter waren, wie beim Geheimtraining einer Fußballmannschaft vor einem wichtigen Spiel, nicht zugelassen.

Dann war es endlich so weit. Pfeifer zog, flankiert von zwei Landsknechten in Uniform zu den schmissigen Klängen des bayerischen Defiliermarsches ein, wie weiland Franz Josef Strauss in die Passauer Nibelungenhalle und begrüßte jeden, an dem er vorbeikam, per Handschlag. Er trug einen exzellent geschnittenen Trachtenanzug aus grauem Loden mit grünen Aufschlägen und wurde mit stürmischen Applaus und donnernden „Vivat“-Rufen empfangen. Die meisten Männer hoben ihre Maßkrüge und prosteten ihrem neuen Chef zu, der einen offenbar gut gefüllten Steinkrug voller Begeisterung schwenkte, so dass die vorne Stehenden in den Genuss einer Bierdusche kamen.

Dann trat er ans Rednerpult, nahm noch einen Schluck, stellte den Krug ab und klopfte auf das Mikrofon. Nichts zu hören. Er hielt den Mund dicht vor das Gerät. „Eins, zwei, drei ...“, konnte man seinen Mundbewegungen entnehmen. Nichts tat sich. Also musste es ohne gehen. „Könnt ihr mich verstehen?“, schrie er und erntete ein vielstimmiges „passt scho.“

Pfeifer hob die Hände. „Meine Damen und Herren, darf ich um Ihre geschätzte Aufmerksamkeit bitten“, sagte er höflich. Doch einige der Damen scherten sich nicht drum und ratschten weiter. Er legte einen Finger auf die Lippen und zischte „pssst!.“ Doch auch das zeigte wenig Wirkung „Würdet ihr Quasselstrippen da hinten freundlicherweise eine Sekunde lang euer Getratsche einstellen?“, sagte er schneidend.

Als erneut nichts geschah, brüllte er  „Ruhe!“, so laut, dass die Holzbalken zitterten. Schlagartig war es so still wie im Wirtshaus zum Ochsen am Mittwoch, dann ist da nämlich Ruhetag. Er ließ seinen stahlharten Blick langsam über die vielen Gesichter schweifen und sagte: „Das war das erste und das letzte Mal, dass ich einen Befehl wiederhole. Merkt euch das!“

Lediglich zwei der Frauen steckten weiter die Köpfe zusammen. Ich stand relativ in der Nähe, so dass ich hören konnte, was sie sich zuflüsterten: „Der ist bestimmt was Höheres bei der Deutschen Bank oder so.“ „Glaub ich nicht“, zischelte die andere, „den Tonfall kenn ich von meinem Mann. Der ist Zwölfender bei der Bundeswehr.“

Ob Pfeifer das auch gehört hatte, weiß ich nicht, er hämmerte jedenfalls mit der Faust auf das Pult. Jetzt war es so still, dass man das Summen der Neonröhren an der Decke hören konnte.

„Na, also, geht doch.“

Hmh, dachte ich, so verschafft man sich Respekt.

Unser Anführer räusperte sich und fuhr fort: „Mein Name ist Pfeifer, Johannes Pfeifer.“

„Habe ich richtig gehört, Johannes Pfeifer?“, stieß mich mein rechter Nachbar an.

„Ja, kennst du ihn etwa?“ fragte ich.

„Wenn er der Präsident vom Deutschen Schützenverein ist, schon.“

Pfeifer setzte seine Rede fort. „Das meiste hat ja der Bürgermeister von Landshut schon gesagt. Aber noch einmal kurz zum Mitschreiben. Napoleon hat im Russlandfeldzug sehr große Verluste erlitten und angedroht, einen Rachefeldzug zu starten. Er ist nach Paris zurückgekehrt, um seine Truppen neu zu formieren.“

Mein linker Nachbar lachte und flüsterte kichernd hinter vorgehaltener Hand: „Kontrollierter Angriff aus einer gestärkten Abwehr. So spielen die Italiener Fußball.“

„Französischen Medienberichten zufolge, soll Napoleon nur nach Paris zurückgekehrt sein, um die Kleider zu wechseln und die unzähligen Liebesbriefe seiner Verehrerinnen zu lesen.“ So Pfeifer. „Und er soll die Mona Lisa aus dem Louvre geholt und sie in seinem Schlafzimmer aufgehängt haben.“

„Donnerwetter“, zischelte mein Nachbar, „die Franzosen verstehen was vom Liebesspiel. Das ist ja eine völlig neue Technik.“

„Aber das stimmt alles nicht“, fuhr Pfeifer fort, „alles nur Vernebelungstaktik. In Wirklichkeit hat er ein neues Heer von rund einer halben Million Mann aufgestellt und wird bald den Rhein erreichen. Und wenn wir verhindern wollen, dass er in unser Land eindringt, unsere Frauen schändet und unser Vieh tötet, dann müssen wir diesen Vormarsch stoppen. Aber wir müssen uns beeilen!“

Zwischenruf, von wem, konnte ich nicht erkennen: „Und akkurat dieser jämmerliche Haufen soll das schaffen?“

„Natürlich nicht allein, aber wir haben eine gute Chance. Napoleon ist geschwächt, er hat nur noch unerfahrene und schlecht ausgebildete Leute, nicht zu vergleichen mit den glänzend ausgerüsteten Veteranen von Austerlitz.“

Und was sind wir, schoss es mir durch den Kopf und ein Blick in die Runde zeigte mir, dass ich nicht der einzige war, der so dachte. „ Wenn wir uns beeilen, können wir ihm den Garaus zu machen. Ich habe schon Pläne für den Tag X, den Tag der alles entscheidenden Schlacht. Es wird die größte werden, die die Welt je gesehen hat und ihr werdet dabei sein, wenn die Völker aufeinander treffen.“

„Aber denkt daran, wir werden Napoleon erwischen, tot oder lebendig. Lebendig wäre allerdings besser.“

Lebendig wäre auch für uns deutlich besser, dachte ich.

Pfeifer nahm einen Schluck Bier.

„Ich erwarte von jedem von Euch, dass er mit ganzem Herzen dabei und bereit ist, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Das Wort ‚aufgeben’ könnt ihr vergessen. Wir können keine Schlappschwänze brauchen. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit für euch, ohne weitere Folgen die Truppe zu verlassen. Ihr müsst euch auf eine Hängebrücke stellen und so laut wie möglich rufen: ‚Ich bin ein feiger Hund, holt mich hier raus’, dann könnt ihr sofort abhauen.“ Na ja, dachte ich. Prima, wo es doch praktisch an jeder Ecke in unserem schönen Land Hängebrücken gibt.

Dann schilderte er, was uns erwartet und man spürte förmlich, wie die Luft im Saal immer dicker wurde „Wir müssen sehr schnell sein und alles aus unseren Körpern herausholen. Ihr müsst hart sein wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie die Windhunde.“ Das muss ich mir merken, dachte ich, für meinen nächsten Vortrag vor der Klasse. Dann gibt’s sicher eine eins. Pfeifer nahm noch einen kräftigen Schluck aus dem Maßkrug.

„Aber wenn ich so in die Runde schaue“, er schüttelte missbilligend den Kopf. „Wisst ihr überhaupt, auf was ihr euch da einlasst? Ich wundere mich, dass ihr es bis hier geschafft habt“, und dabei schaute er ganz gezielt auf den Dreizentner-Mann, das König- Ludwig-Double, der bestimmt schon seine zweite Maß intus hatte und eine Zigarette nach der anderen paffte.

„Wie heißt du“, wollte Pfeifer von dem Riesen wissen.

„Ich bin der Ludwig“, antworte der Gamsbartträger kleinlaut, „der Ludwig König.“ Lautes Gelächter, in das auch Pfeifer einstimmte. Dann sagte er, offenbar etwas versöhnlicher gestimmt: „Also drück den Glimmstängel aus und lass die Finger vom Schnaps, König Ludwig!“ Viele gehorchten, auch der König, der Ludwig.

Pfeifers Stimme wurde jetzt milder „Ich will euch nicht den Mut nehmen, aber wie euer Bürgermeister schon sagte, wird es nicht ohne Blutvergießen abgehen. Ich spiele immer mit offenen Karten. Deshalb richtet euch darauf ein, dass es Tote geben wird.“

Ich spürte, wie sich die wenigen Haare auf meinen Unterarmen aufrichteten und mir ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter rieselte. „Ich glaube, dass schätzungsweise nicht einmal die Hälfte von euch in Frankreich ankommen wird. Und wer von der Truppe getrennt wird, darf nicht damit rechnen, dass wir ihn retten. Dann ist jeder auf sich allein gestellt.“ Vielleicht hatte er jetzt etwas übertrieben, denn man hörte erstes leises Gemurre.

„Wir dürfen unseren Zeitplan nicht gefährden, also müssen wir  weiter marschieren, weiter und immer weiter. Wer verwundet wird, kann sich auf unsere geschulten Ärzte, Physiotherapeuten und unsere bestens ausgebildeten Krankenschwestern verlassen.“

Pfeifer schwieg einige Zeit, blickte lange und ernst in die Runde.

„So“, sagte er dann, „kleine Pinkelpause. In fünf Minuten geht’s weiter.“

Aber es dauerte eine Viertelstunde, bis er wieder auftauchte. War wohl doch mehr zu erledigen als Bieseln. Er kletterte auf die Empore und stellte sich an das Pult, klopfte wieder auf das Mikrofon, mit demselben Ergebnis.

„Ruhe!“, brüllte er. „Das, was ihr jetzt hört, sind meine zehn Gebote und es ist besser, wenn ihr sie auswendig lernt, denn ich werde keinen Verstoß dulden.

Punkt eins: Nur ich befehle!

Punkt zwei: Keine Widerrede!

Punkt drei: Keine Kritik!

Punkt vier: Wer klaut, dem wird die rechte Hand abgehackt.

„Das sind ja Sitten wie im Mittelalter“, rief einer dazwischen.

Pfeifer ließ sich nicht beirren.

Punkt fünf: Denkt einmal am Tag an eure Mutter

Punkt sechs: Bei Sex nach 22 Uhr wird nur leise gestöhnt!

Punkt sieben: Kein Alkohol vor Sonnenuntergang!

Buhrufe der Landsknechte.

Punkt acht: Wer abhaut oder gar zum Feind überläuft, sollte sich lieber nie mehr blicken lassen.

Punkt neun: Kein Rauchen auf dem Donnerbalken

Punkt zehn: Wer fremde Frauen ins Lager schmuggelt, muss eine Woche lang abwaschen.

Habe ich mich klar ausgedrückt?

Die meisten bewegten stumm den Kopf. „Wer sich an die Regeln hält, wird bestens mit mir auskommen“, schnaubte er und schlug noch einmal mit der Faust auf den Tisch. Nun machte er einen Fehler, wahrscheinlich kannte er uns Bayern wohl doch nicht gut genug. Denn als er fast beiläufig sagte: „Noch Fragen?“ sah man ihm an, dass er nicht mit dem rechnete, was jetzt geschah. Es prasselte nämlich ein Trommelfeuer auf ihn nieder:

„Was machen Sie, wenn Sie nicht gegen Napoleon kämpfen?“

„Haben Sie Abitur?“

„Wie sind Französinnen im Bett?“

 „Wie spät ist es?“

„Darf ich unterwegs ein Wettbüro betreiben?“, fragte Toto, ein Italiener aus Pinot Grigio, glaube ich, der nicht nur den passenden Vornamen trug, sondern vom nächsten Tag an alle mit seinem Hütchenspiel nervte.

 „Einer nach dem anderen“, rief Pfeifer sichtlich erschrocken.

„Also, du dahinten, der mit der gelben Weste, was willst du wissen?“

„Wie viele Kilometer müssen wir am Tag marschieren?

„Mal sehen, wie gut ihr in Form seid. Wenn ihr zum Heiligen Abend wieder zurück sein wollt, müssen wir mindestens 25 Kilometer am Tag schaffen.“

„Warum fahren wir die Strecke nicht mit dem Zug?“, wollte ein anderer wissen.

„Mit der Eisenbahn kann man keinen Krieg gewinnen. Und außerdem ist es viel zu gefährlich.“

„Wieso? Fliegen und Bahnfahren sind doch die sichersten Fortbewegungsmittel.“

„Aber nicht, wenn jemand Sabotage betreibt und eine Schiene herausreißt. Warum glaubt ihr, dass die Touaregs heute noch, trotz moderner Technik, immer noch ihr Salz mit ihren Kamelen transportieren und den langen Weg auf sich nehmen, obwohl es mit Lastwagen zehnmal so schnell ginge, als mit ihren Wüstenschiffen?“

Uiih, dachte ich. Tuarek. Und was ist ein Tuarek? Ich kannte nur einen Torwart, der so ähnlich hieß. Und der hatte mit Kamelen überhaupt nichts am Hut. Glaube ich jedenfalls.

„Ich werde es euch sagen“, fuhr Pfeifer fort, „Was ist, wenn der Motor streikt oder das Getriebe auf halber Strecke den Geist aufgibt? Dann kann sich der Touareg sein Salz hin stecken wohin er will. Auf seine Kamele ist immer Verlass. Die brauchen nur regelmäßig etwas zum Saufen.“

Das war das Stichwort für einen weiteren Schluck aus dem Maßkrug. Der war aber leer. „Trockene Baustelle“, murmelte er. Was eine echte bayrische Bedienung ist, die weiß was das bedeutet. Wenige Sekunden später hatte er eine frische Maß.

„Und warum haben wir keine Kamele?“, rief jetzt einer. Lautes Gelächter

Pfeifer schaute irritiert in die Runde.

„Wo werden wir schlafen?“, wollte jetzt ein anderer wissen.

„Wie die Franzosen“, antwortete Pfeifer. „Also in Feindnähe keine Zelte. Nur Biwakfeuer unter freiem Himmel. Das spart Zeit. Dann können wir eine Stunde länger marschieren. Na ja, wenn irgendwo ein Bauernhof in der Nähe ist, können wir da natürlich auch im Stall pennen.“

„Und wann sehen wir Napoleon zum ersten Mal?“, wollte ich wissen.

Pfeifer blickte mich fast zärtlich an.

„Gute Frage. Aber das kann noch ein paar Wochen dauern. Hängt davon ab, wie schnell er die Finger von den Weibern lässt.“

Großes Gelächter.

Ich hatte noch ein Frage: „Muss ich die Fahne bis nach Frankreich tragen?“

Pfeifer nicke freundlich: „Als Fahnenträger bist du gesetzt. Du hast heute deinen Job sehr ordentlich gemacht. Du bist der geborene Fahnenträger!“

Hmh, dachte ich, hört sich gut an. Aber wenn der Typ glaubt, dass ich in den nächsten Monaten ständig diese blöde Fahne mit mir herumschleppe, dann hat er sich aber geschnitten. Ich zeigte aber nicht, was ich dachte, sondern lachte und streckte stolz die Brust raus.

„Ich hätte da bei mir im Zelt noch Platz für eine Person. Darf ich mir die selbst aussuchen?“, fragte ich weiter und blickte zu den jungen Krankenschwestern, von denen mir einige zuwinkten.

Aber Pfeifer fuhr dazwischen. „Nein Franz“, sagte er streng, „du teilst dein Zelt mit Robert, einem Journalisten. Der wartet in Augsburg auf uns.“

„Aber wir haben doch gar keine Waffen und keine Pferde und überhaupt schon keine Uniformen“, krähte einer, „wie sollen wir da eigentlich kämpfen?“

Pfeifer sah sehr ernst in die Runde. „Das ist ein wichtiger Punkt. Aber rein strategisch gesehen, bestehen unsere Aufgaben eher in passiver Defensive. Und außerdem gibt es keine besseren Waffen als die, die uns die Natur gibt. Ein einfacher Holzstock kann tödlich sein.“

Die Männer knurrten unwirsch.

„Aber“, rief Pfeifer wie bei der Verkündung eines Hauptgewinns auf dem Jahrmarkt: „In Landsberg stößt eine Kampftruppe aus Augsburg zu uns.“

„Ja, ja“, schrie einer, „Jim Knopf, Urmel, Lukas der Lokomotivführer und die anderen von der Augsburger Puppenkiste.“

Pfeifer kannte die wohl nicht, jedenfalls antwortete er ganz ernst: „Nein. Es sind ausgezeichnete Degenfechter von der Uni.“

Ludwig, der Dreizentnermann wollte wissen, wie wir eigentlich verpflegt werden unterwegs. „Hast Angst zu verhungern, was?“, sagte Pfeifer und lachte als einziger. „Also ihr seht sicher ein, dass es aus logistischen Gründen unmöglich ist, größere Bestände an Lebensmitteln mitzunehmen. Für ein paar Tage wird es reichen, aber dann ist jeder auf sich gestellt. Überall wachsen Pilze und Beeren und an den Bäumen hängen Bodenseeäpfel. Außerdem kommen wir sicher an jeder Menge Bauernhöfen vorbei.“

„Und wie sollen wir bezahlen, wenn wir unseren Sold erst Weihnachten kriegen?“

„Wer sagt denn, dass ihr bezahlen müsst?“ antwortete Pfeifer. „Und ein paar Gewehre haben wir ja und zu dieser Zeit laufen überall laufen jede Menge Hasen, Kaninchen, Rehe und Wildsäue herum.“

„Ich mag aber kein Wild. Höchstens wilde Hühner“, sagte ein kleiner pummeliger Kerl, den ich noch nicht kannte. Allgemeines Gelächter.

„Warum schiebst du dann eine so große Wampe vor dir her?“

„Bei mir sind das die Gene.“

„Das sagen alle Dicken und in Wahrheit fressen sie wie die Scheunendrescher.“

„Ein Bayer ohne Wampe ist wie ein Puff ohne Schlampe!“

Großes Gelächter.

„Kann ich in Memmingen kurz bei meiner Oma vorbeischauen?“, kam von ganz hinten eine Frage.

„Nein, Extrawürste werden nicht gebraten.“

Einer der Landsknechte hob die Hand.

„Schreibt man Pfeifer mit einem oder zwei F hinter dem Ei?“

„Wie der aus der Feuerzangenbowle“, schrie einer.

„Der hieß aber Hans Pfeifer“, schrie ein anderer.

„Ich werde euer vorlautes und freches Mundwerk schon noch stopfen“, polterte Pfeifer.

„Bist du mit Hans Pfeifer, dem Präsidenten des Bayrischen Schützenvereins verwandt?“, fragte ihn mein rechter Sitznachbar.

„Weder verwandt noch verschwägert. Aber für dich immer noch Herr Pfeifer. Soviel Zeit muss sein.“

Auch die Frauen wagten ein paar Fragen:

„Herr Pfeifer, sind Sie verheiratet?“

„Warum?“

„Ich frag ja nur.“

Pfeifer zögerte kurz und lachte: „Die Braut jedes Soldaten ist das Gewehr, wenn dir das etwas sagt.“

„Dann haben Sie keine Kinder?“

„Das hast du gesagt.“

Eine rundliche, normannische Küchenfee, die aussah wie eine Steingutfigur, in der meine Mutter die Kochlöffel aufbewahrt, wollte wissen, ob es Heimaturlaub gibt.

„Wenn du willst, kannst du zwischendurch vier Wochen nach Hause. Aber dann musst du ganz allein laufen. Wär’ vielleicht keine schlechte Idee, dann passt dir nächsten Sommer wieder der Bikini.“

„Was kann ich heute in meine Reisekostenabrechnung eintragen?“, wollte ich wissen.

„Zehn Stunden und 28 Kilometer. Und nicht mehr!“, schnaubte der Chef.

Keine Meldungen mehr.

 

5

 

Pfeifer räusperte sich. „Also ich hätte da noch eine Mitteilung. Der Bundestag hat entgegen jeglicher Vernunft entschieden, dass wir einen Betriebsrat aufstellen müssen. Wenn sich also unbedingt jemand dafür melden will, dann soll er das tun. So und jetzt steht jeder auf, wenn er noch nicht steht und sagt uns, wer er ist, wo er herkommt und all das andere und vor allem, warum er hier eigentlich mitmacht. Aber wehe, einer lügt, dem Gnade Gott!“

Als erster stand ein kleiner Mann mit fettigen Haaren auf.

„Mein Name ist Paul Gerber, 43 Jahre alt, 1,70 groß, 65 Kilo schwer, von Beruf bin, oder besser gesagt war ich, Zimmermann. Ich musste aber meinen Beruf an den Nagel hängen, weil ich nicht schwindelfrei bin und deshalb vom Dach gestürzt bin. Meine Hobbys sind Angeln, Tanzen, Gitarre spielen und Mensch-ärgere-dich-nicht. Am linken Oberschenkel habe ich einen großen Leberfleck.“

„Zeigen, zeigen, zeigen“, skandierten die Frauen.

„Und warum bist du dabei?“

„Ich suche berufliche Neuorientierung!“

Wieherndes Gelächter.

„Also weiter“, befahl Pfeifer, „aber kurz und knackig, wenn ich bitten darf.“

Als zweiter kam Wilhelm an die Reihe, ein Preuße aus Potsdam, der sich während der Sommerfrische im Chiemgau in eine Sennerin verliebte. Sie brannte mit einem Wilddieb durch. Und das habe ihn so wütend gemacht, dass er es irgendjemandem heimzahlen wollte. Und da sei Napoleon gerade recht.

Johann und Alfons, zwei Feinschmecker aus München, brauchten dringend Gänseleberpastete aus dem Elsass. Und da Napoleon dies durch Exportbeschränkungen verhindere, würden sie halt mithelfen wollen, ihn zu beseitigen.

Jonas war ständig für längere Zeit im Ausland auf Montage und hatte es satt, ständig die Windeln neuer Kinder zu wechseln. Jedes Mal, wenn er zurückkam, war seine Frau wieder schwanger, auch letztes Mal und da war er länger als ein Jahr weg.

Ein gewisser Gregor wollte lediglich „seinen Horizont erweitern“, verriet aber nicht wie und wo und warum. Ein pensionierter Lehrer mit sparsamem Haarwuchs bot an, jedem, der dies wünsche, in preiswerten Crashkursen Französisch beizubringen. Als er fragte, wer bereits Französisch könne, meldete sich ein muskelbepackter Bartträger. Freute sich der Pädagoge: „So, so, meine Sohn, du kannst also französisch?“

Der Riese antwortete: „Schon, aber nicht sprechen.“

Großes Gelächter.

Plötzlich hopsten zwei weiße Kaninchen vor Pfeifers Rednerpult herum. „Wem gehören die zwei Karnickel?“, wollte er wissen.

Ein Mann an der Fensterseite des Saales, in schwarzem Frack mit einem Zylinder auf dem Kopf, reckte einen Zauberstab in die Luft

„Ist das deine Marschverpflegung?“, scherzte Pfeifer.

„Nein, das sind meine Mitarbeiter. Ich wollte sie nicht bei meiner Frau lassen. Die hat nämlich die Scheidung beantragt und isst für ihr Leben gern Rosmarin-Kaninchen in Rotweinsauce.“

Und da war noch ein Mann mittleren Alters mit Sonnenbrille, schwarzer Perücke und angeklebtem Bart. Er weigerte sich, seinen Namen oder gar Beruf zu nennen. Er sagte überhaupt nichts, aber er gab einer jungen Frau, wahrscheinlich seiner Sekretärin ein Zeichen, die ein vorbereitetes Statement vorlas. „Mein Auftraggeber“, sagte sie, „ist Teil des Zeugenschutzprogramms, weil er in einem Prozess gegen die tschechische Honig-Schmuggel-Mafia ausgesagt sagt.“ Und außerdem sei die Gebühreneinzugszentrale hinter ihm her. „Nennen Sie ihn einfach Mr. Noname“, sagte sie, „oder auch Peter. Das ist ihm auch recht.“

Ein Glatzkopf mit Schnurrbart sagte, er sei Kanonier auf der Landshuter Burg Trausnitz und er habe eigentlich gehofft, sich fortbilden zu können, habe aber feststellen müssen, dass wir gar keine Kanonen dabei hatten. Deshalb müsse er es sich noch einmal überlegen, ob er wirklich weiter mit uns herumziehen sollte. „Was kann ein Kanonier schon ausrichten, wenn er keine Kanone hat. Oder?“

Es waren viele Berufsstände vertreten. Ein Friseur, der in Frankreich lernen wollte, wie man eine Dauerwelle macht, ein Metzger, dem die armen Schweine leid taten und deshalb zum Tierschützer konvertiert sei, ein Melker, dessen Haltbarkeitsdatum abgelaufen war oder ein Veterinär mit Katzenallergie.

Auch das Arbeitsamt hatte einige Kunden mitgeschickt, denen sonst Hartz IV gestrichen worden wäre. Einer wollte auf den Jacobsweg und bekam zu hören, dass er dann aber in Freiburg rechts abbiegen müsste. Gerichtsvollzieher Martin musste die Front durchbrechen, um in Dijon überfällige Alimentezahlungen einzutreiben und Ignatius wollte unbedingt in die Fremdenlegion.

„Aber in der Fremdenlegion kämpft du doch mit den Franzosen und nicht gegen sie“, meinte Pfeifer verblüfft. Ignatius sagte nur: „Ach so.“

Viele waren auf der Flucht vor dem Finanzamt oder ihren Frauen oder den Ehemännern ihrer Geliebten, so auch ein gewisser Josef von und zu Hohenwart. „Na, dann bist du wohl weniger ein von und zu als ein auf und davon“, rief eine der Rot-Kreuz-Schwestern und musste sich Buh-Rufe und Pfiffe gefallen lassen. Offenbar war das wohl doch ein zu alter Witz.

Zum medizinischen Personal gehörten ein paar Ärzte. Zu ihnen gehörte Dr. Bob, der das feuchtschwüle Klima im australischen Dschungel nicht mehr ertragen konnte und der Kurse abhielt zum Thema „Würmer, Schlangen und Skorpione. Eiweißreich und gesund.“ Sein Seminar hatte aber nur wenig Zulauf.

Und da war noch Dr. Schiwago, der seine Doktorarbeit abgekupfert hatte und deshalb nach Sibirien verbannt worden war, Professor Brinckmann, der einem C-Promi aus Rumänien ein giftiges Brustimplantat eingesetzt hatte und dem deshalb eine Millionenklage drohte, jetzt aber dem Rückweg an seinen Arbeitsplatz im Schwarzwald war und schließlich Dr. Kimble, der unter der Wahnvorstellung litt, von einem Einarmigen gestalkt zu werden und deshalb seit Jahren auf der Flucht war.

Er war nur sehr schwer zu überreden bei uns zu bleiben, als ein gewisser Götz zu uns stieß, dessen Arm vor einigen Jahren im Baden-Württembergischen Berlichingen in die Häckselmaschine geraten war und der deshalb eine Prothese tragen musste. Als Dr. Kimble ihm eines Abends anvertraute, dass er eine Heidenangst vor ihm habe, antwortete Götz mit den unsterblichen Worten: „Ach leck mich doch am Arsch.“

Dann war da noch Winnie, der hatte an seiner kurzen Lederhose vorne und hinten eine Tür.  „Die vordere Klappe ist für die Mädchen, die hinter für die Jungen“, gab er unumwunden zu.

Ein gewisser Bernhard betrachte unseren Feldzug als spitzenmäßiges Überlebenstraining. Er trug einen Astronautenanzug, der ihn wie eine Frischhaltefolie umgab. Er war übrigens der einzige, der Dr. Bobs Kurs regelmäßig besuchte.

Der Zweigstellenleiter der Commerzbank in Landau wollte endlich mal was Anständiges erleben, statt die Leute übers Ohr zu hauen, einem Schuhmacher drückte finanziell der Schuh, ein Bäcker konnte seine Brötchen nicht mehr verdienen, ein Töpfer stand vor den Scherben seiner Ehe und bei einem Fensterputzer war die Ehe im Eimer.

Pius, Gewerkschaftsmitglied und Opernliebhaber wollte Ver.di in aller Welt bekannt machen. Ali, ein Moslem, der niemals seinen Gebetsteppich aus den Augen ließ, plante seine „hadsch“ nach Paris abzuwickeln. Er bat Pfeifer um Nachsicht, wenn er ab und zu den Anschluss an die Truppe verlieren würde. Er müsse ja mindestens fünf Mal am Tag mit Allah Kontakt aufnehmen. „Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht immer noch schneller, als jener, der ohne Ziel umherirrt“, zitierte er aus dem Koran, wie ich annehme, und löste schallendes Gelächter aus.

Aloysius, ein katholischer Pfarrer, der von zwei Messdienern begleitet war, die ununterbrochen Weihrauchfässchen schwenkten, sagte, er sei beruflich unterwegs und bot mehrere Dienstleistungen an: Wer beichten oder heiraten, sein Testament zugunsten der Kirche ändern wolle oder die letzte Ölung brauche, sei bei ihm an der richtigen Adresse. Für alles weitere würden seine Kollegen von der Firma „Ruhe sanft sorgen. Er zeigte auf eine Ecke, wo es sich ein Totengräber mit sechs schwarz gekleideten Sargträger herumdrückte.

Der evangelische Geistliche hieß Bertram und war, wie er sagte, vor allem missionarisch tätig, da ihm Frankreich insgesamt viel zu katholisch sei. Auch ein Rabbiner war vertreten mit einem zu Locken gedrehten Vollbart und einer Kippa auf dem Kopf. Der lächelte verschmitzt und sagte nur: „Ich sag lieber nix.“

Man sieht, das Bodenpersonal Gottes war zahlreich vertreten. Mich erinnerten sie ein wenig an einen Schwarm Saatkrähen, die wissen auch immer, wo es was zu holen gibt.

Jesaja, der Zeuge Jehovas, glaubte fest daran, dass die Zeitschrift, die er ständig hochhielt, in Frankreich Rekordauflagen erreichen könnte. Schließlich gebe es dort tausend Burgen und somit würden viele, viele Wachtürme benötigt. „Dann kannst du bei uns ja jede Nacht Wache schieben. Das beherrscht du bestimmt perfekt“, schrie Linus, einer der Landsknechte unter dem dröhnenden Gelächter seiner Kumpel.

Linus stellte dann einen seiner Kameraden vor, der regungslos neben ihm hockte und keine Miene verzog. „Das ist Eberhard. Er ist blind und deshalb erfüllt er die bei uns Landsknechten neu eingeführte Behindertenquote. Er kann zwar nichts sehen, aber umso besser hören und riechen, gell Eberhard?“

Der blinde Mann, der eine dunkle Sonnenbrille trug nickte heftig, was mich an Ray Charles und an „What d’ I say“ erinnerte. Er lachte und kraulte den Kopf einen hübschen, großen, graumelierten Afghanen, der ihm daraufhin dankbar die Hand leckte. Die Töle hieß Hassan und war auf dem zweiten Bildungsweg zum Blindenhund umgeschult worden, da die Schäferhunde im Raum Landshut vergriffen waren.

Ein junger Mann namens Gerhard hatte ein paar Cannabissträucher auf dem Balkon gezüchtet, nur für den Eigenbedarf, versteht sich. Einen kleinen Restposten habe er noch, wenn er also jemandem eine Freude machen könne … Das hab ich im Wochenspiegel gelesen“, sagte einer, „du bist doch mehrfach verurteilt worden, weil du immer wieder mit Gras gehandelt hast.“ Gerhard zuckte mit den Schultern. „Was kann ich dafür, dass das Zeug immer wieder nachwächst?“„Ach erzähl doch nichts vom Pferd. Du willst doch nur dealen!“ „Nein, ich schwöre, ich bin inzwischen so clean wie ein Klo-Reiniger.“

Dann stand ein schmächtiger, blasser junger Mann auf mit langen fettigen Haaren und in einem Pullover mit viel zu langen Ärmeln und sagte schüchtern: „Mein Name ist Karl-Heinz, ich bin Sozialarbeiter in der Justizvollzugsanstalt Landshut. Ich habe einen meiner Kunden dabei, ein erfahrener Straßenkämpfer, der sich als Freigänger an der Front bewähren soll. Es kann nichts schaden, wenn ihr ihn im Auge behaltet, man weiß ja nie, ob die Resozialisierungsmaßnahmen greifen. Für alle Fälle trägt er eine elektronische Fußfessel.“

„Was ist das denn?“, fragte ich meinen Nachbarn.

„Das ist ne kleine implantierte Bombe und wenn einer nicht spuren will, drückt der Wärter auf den Knopf und dann bummm!“, flüsterte er zurück.

„Uiii“, sagte ich.

Pfeifer schien das Auftauchen des Schwerverbrechers zu überraschen. „Wer ist denn auf die Idee gekommen, uns mit einem Knacki zu versorgen?“

„Na, unser Direktor. Wir sind nämlich momentan im Todestrakt ein wenig überbelegt, denn für den Elektrischen Stuhl fehlt ein Ersatzteil aus Südkorea, auf das wir seit Monaten warten. Deshalb gab es einen, ja, wie soll man sagen, einen Hinrichtungsstau. Und da ihr ja jeden gebrauchen könnt, hat unser Chef mit dem Minister gesprochen und der hat grünes Licht gegeben. Es verstößt zwar eigentlich gegen das Persönlichkeitsrecht und das Diffamierungsverbot, aber ich denke, ihr solltet schon wissen, wer der Junge ist und was er auf dem Kerbholz hat, oder?“

Und so erfuhren wir, dass Rocky, ein vor Muckis strotzender Bodybuilder mit Armen wie LKW-Reifen und einem Nacken wie ein Angusrind, seine Frau samt Liebhaber nicht etwa mit seinen Händen umgebracht hat, die so riesig wie Klodeckel waren, sondern mit einem Kartoffelschälmesser.

„Das ist ja furchtbar“, stöhnte Pfarrer Aloysius, „und zugleich Furcht erregend. Ein Mann, der seine Frau umgebracht hat!“

Rocky, über dessen breiter Brust sich ein graues Achselshirt mit dem Schriftzug „Motörhead“ spannte, sprang so wütend auf, dass die dicke Goldkette, die er um dem Angus-Hals trug, wie ein Wecker rasselte und schrie: „Pass bloß auf, was du sagst. Du weißt ja noch nicht einmal, wie es ist, wenn man verheiratet ist.“

Auch der Landshuter Brauereibesitzer Ewald musste für zwei Jahre in den Knast, weil er zum 73. Mal mit Alkohol am Steuer erwischt worden war und die letzten 32 Mal keinen Führerschein hatte. „Der Richter war der Meinung, dass ich auf eurem Feldzug endlich vom Alkohol los komme und dass sich meine Leberwerte verbessern. Glaub aber nicht, dass das klappt“, sagte er mit wenig Hoffnung in der Stimme.

„Mal sehen, was ich tun kann“, sagte ein schmächtiges Männlein mit einem schmalen Schnauzbart wie Charlie Chaplin in „Der große Diktator.“ Die Haare waren weiß und standen wild ab wie bei Albert Einstein. Er putzte umständlich seine Brille, hauchte mehrfach auf die Gläser, und als er sie wieder aufgesetzt hatte, blinzelte er in die Runde. Er sah zwar ganz anders aus, aber er erinnerte mich irgendwie an Hannibal Lector im „Schweigen der Lämmer.“ Deshalb nannte ich ihn insgeheim Hannibal, in Wirklichkeit hieß er Ludolf und war von Beruf Seelenklempner. Seine Hände zitterten trotz der mehr als hochsommerlichen Temperaturen im Saal und er wischte sich mehrfach über die Halbglatze.

„Ich bin Psychiater“, fuhr er mit leicht zittriger Stimme fort, „und ich bin Herrn Pfeifer sehr dankbar, dass er mir die Möglichkeit gibt, hier als Truppenbetreuer zu arbeiten.“

Später erfuhren wir, dass Hannibal oder von mir aus Ludolf selbst wegen eines Burn-Out-Syndroms in der Klapsmühle war, dass er es aber wegen seiner Platzangst in der Gummizelle nicht aushielt und deshalb geflohen war. Nun, ich wunderte mich schon, dass Pfeifer einen Psychiater mit Platzangst angeheuert hatte, aber wer weiß, vielleicht kannten sie sich von irgendwo her. Und vielleicht muss man ja auch selbst nicht alle Tassen im Schrank haben, wenn man einen solchen Beruf ergreift. Nur dann kann man sich ja in ein krankes Hirn hineindenken, oder?

Da war auch noch Herr Speck. „Ich bin Veganer“, gestand er.

„Veganer?“, schrie einer, „was ist das denn?“

„Die haben ganz spitze Ohren“, wusste ein anderer.

„Außerirdische wollen wir hier nicht“, rief einer der Landsknechte.

„Mann“, griff Pfeifer ein, „Veganer nicht Vulkanier. Veganer essen kein Fleisch.“

„Sag ich doch, Außerirdischer“, meinte der Landsknecht.

Und dann war da noch Klaus. Der wollte nur raus.

Ich war der Jüngste von allen. Ich sagte nur, dass ich keinen Bock auf Schule mehr hätte. Das wegen Napoleons Hand im Jackett, verschwieg ich. Alle waren nett zu mir, besonders die Marketenderinnen, die freundlich lächelnd anboten, mir alles zu zeigen, was ich sehen wolle.

Ich hätte da zwar spontan die eine oder Idee gehabt, sagte aber nichts.

Pfeifer zog eine Lesebrille und ein Blatt Papier aus der Brusttasche und überflog es. „Ich habe noch einen Klaus Meier auf der Liste. Ist er da?“

Niemand meldete sich.

„Kennt ihn jemand? Oder weiß jemand, was mit ihm passiert ist?“

„Ich glaube, auf der Grieserwiese habe ich ihn noch gesehen“, rief Linus, der Landsknecht.

Ansonsten kannte ihn keiner.

„Dann eben nicht,“ schloss Pfeifer. Er richtete sich auf und sah streng in die Runde: „Jetzt hat jeder eine letzte Chance die Segel zu streichen. Also im Klartext: Hasenfüße und Drückeberger sollten jetzt ihren Hut nehmen. Ich kann nur Leute brauchen, die Eier in der Hose haben.“

„Und wer keinen Hut hat, darf der auch gehen?“

„Und was ist mit den Frauen, reichen auch Eierstöcke?“, lallte einer der Landsknecht, abgefüllt mit bestem Weihenstephaner Hellem.

Alle lachten.

Einer stand tatsächlich auf und hastete mit Riesenschritten in Richtung Ausgang. Als er an mir vorbeikam, bemerkte ich einen ziemlich üblen Geruch, den er wie eine Schiffschraube das Kielwasser hinter sich her zog.  Auch Pfeifer musste es gerochen haben, denn er rümpfte die Nase und sagte: „Da scheißen die ersten schon in die Hose, bevor der erste Schuss gefallen ist.“

Tatsächlich folgte dem Hosenscheißer ein zweiter. Es war Pius, der  Gewerkschaftler und Opernfreund. „Das ist mir hier alles viel zu primitiv. Das ist ja wie bei den Hottentotten.“

„Angsthase! Angsthase! Angsthase!“, brüllten einige Landsknechte.

 

„Du Weichei! Verpiss dich bloß!“, tönte es von ganz hinten.

„Der Scheißkerl hat bestimmt auch Angst vorm Zahnarzt“, meinte Paul, der Zimmermann.

Auch dem Zauberer war wohl alles nicht so ganz geheuer. Er fing seine zwei Kaninchen ein, streichelte sie und sagte: „Wir tanzen nicht nach Pfeifers Pfeife, nicht wahr, meine Kinder? Das tun wir uns nicht an. Das ist ja wie bei Mutti.“ Dann ließ er die Karnickel im Zylinder verschwinden.

Pfeifer fragte: „Noch jemand ohne Fahrschein?“

Der Banker stand auf. „So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Im Freien schlafen, miserables Essen aus dem Blechnapf, Hungerlohn ohne Millionen-Abfindung und keine Peanuts. Das ist nichts für mich.“

Hämisches Gelächter.

Der Banker schlich mit gesenktem Kopf aus dem Saal. „Wenigstens das mit der Abfindung hätte doch regeln können, oder?“, murmelte er leise.

Auch der Mann, der dem Napoleon-Ballon auf der Grieserwiese großspurig nachgeschrieen hatte, er werde erst jeden Stein und dann Napoleon den Hals umdrehen, verabschiedete sich mit den Worten: „Ruft mich an, wenn ihr noch einen braucht. Ich komm dann nach. Also dann bis Weihnachten beim Breitlinger in Pasing. Ich geb’ einen aus. Habe die Ehre.“ Und weg war er.

Ein Finanzmakler meldete sich zaghaft: „Ich würde auch gern verschwinden, aber ich kann nicht.“

„Und was ist mit dir los?“, fragte Pfeifer schon leicht genervt.

„Ich hab doch alles aufgegeben habe: Mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein Pferd.“

„Und warum hast du alles aufgegeben?“

„Wegen der Bankenkrise.“

„Ach, das macht doch nichts“, grinste Pfeifer, „für solche wie dich haben wir einen Rettungsschirm.“

Als eine Blondine wie beim Catwalk auf der Berliner Modewoche am Rednerpult vorbeistöckelte und dabei die Hüften kräftig kreisen ließ, stießen sich die meisten Kerle an und pfiffen auf zwei Fingern.

Die erste Reihe machte die Laola.

Auch Pfeifer schien beeindruckt. „Du willst doch wohl nicht gehen, oder? Dich hatte ich eigentlich als Geheimwaffe ins Auge gefasst, um den Feind im richtigen Augenblick abzulenken.“

„Wenn ich soll zeigen Höschen. Nur sagen“, hauchte sie mit zigarettenrauchiger Stimme, „Ich Natalia.“ Lautes Geschrei .

„Dann bleibst du uns also erhalten?“, fragte Pfeifer hoffnungsvoll.

„Klar, geh nur kurz für kleine Tigerinnen.“

Bravorufe.

Einer der Landsknechte, ein riesiger Kerl, gebaut wie ein niederbayerischer Bauernschrank, stand auf. Er schaute grimmig in die Runde. „Ich heiße Xarre. Was seid ihr eigentlich für ein Verein? So einen Haufen heulsusiger Waschlappen hab ich ja überhaupt noch nie gesehen. Und du da vorn, du Pfeife. Du willst unser Kommandant sein? Du kannst ja noch nicht einmal eine Kita auf Vordermann bringen.“

Es wurde mucksmäuschenstill. Alle spitzen die Ohren.

Pfeifer sah ihn mit offenem Mund und aufgerissenen Augen an. Damit hatte er wohl nicht gerechnet.

Der Landsknecht legte nach. „Dieser lausige Haufen von Komikern will Napoleon aufhalten? Dass ich nicht lache. Was soll der ganze Scheiß? Ich lass mich doch nicht veräppeln! Also warum haben wir keine Waffen?“

Pfeifer sah man an, dass ihm äußerst unbehaglich zumute war.

„Ähh“, stotterte er, „Die Krisenkasse gab halt nicht mehr her.“

„Was heißt das?“

Pfeifer zuckte mit den Schultern. „Flasche leer.“

„Sag uns die Wahrheit, Pfeifer“, schrie ein anderer Landsknecht, „wir sind schließlich die einzigen hier, die wissen, wie man kämpft.“

„Na, das wollen wir doch erst mal sehen, du Großmaul!“ kreischte eine der älteren Krankenschwestern.

Pfeifer wandt sich wie eine Schlange. „Ich weiß beim besten Willen nicht, was ihr von mir wollt.“ Er verließ seinen Pult und begann mit verschränkten Armen auf und ab zu gehen.

„Wir wollen die Wahrheit hören“, rumorte es dumpf,

„Ich kann euch leider nichts weiter sagen.“

„Du lügst doch. Du hast ja schon eine ganz lange Nase und ganz kurze Beine“, schrie Linus.

Pfeifer stellte sich breitbeinig vor den Soldatenhaufen.

„Habt ihr schon mal was von Geheimhaltung gehört, ihr Blödmänner? Wollt ihr, dass Napoleon schon heute weiß, was wir morgen vorhaben?“

Die Landsknechte schwiegen betroffen.

„Zur Kriegskunst gehört die Überraschung. Und was wir planen, geht keine alte Sau und schon gar nicht die Franzmänner irgendetwas an. Also was ist? Seid ihr weiter dabei?.“ Im Saal war es so still wie bei einer Mäusebeerdigung.

Plötzlich eine weibliche Stimme: „Willst noch a Maß?“

Die Bedienung, ein prachtvolles Exemplar der Gattung Biergarten-Zenzi, baute sich direkt vor Pfeifer auf.

„Nein, danke schön“, sagte der höflich, „höchstens noch a Halbe.“

Die Bedienung drehte sich abrupt um und sagte: „Dann kumm wieder, wennst a Durscht host.“

Das löste die Spannung. Alle lachten und redeten durcheinander.

Pfeifer schnupperte Morgenluft. Er ging wieder an seinen Pult und rief „Merkt euch: Wer jetzt bleibt, der spielt nicht in Johann Strauß Operette „Der lustige Krieg“ mit und der erlebt auch keinen All-Inklusiv-Urlaub an der Front. Wir haben eine Aufgabe zu erfüllen, wir kämpfen für unsere Frauen und Kinder, die Eltern und Freunde, für eine Zukunft in Freiheit und Frieden und deshalb werden wir Europa von der Bestie Napoleon befreien. Professionelle Klugscheißer sollen bleiben wo der Pfeffer wächst.“

Mein rechter Sitznachbar, er hieß übrigens Gernot und sollte später noch eine wichtige Rolle in unserem Unternehmen Napoleon spielen, rutschte nervös auf seinem Stuhl herum und gab mir einen kleinen Schubser mit dem Knie. Dann fragte er leise: „Wollen wir nicht auch abhauen?“

Ich schüttelte stumm den Kopf.

Er sprang auf. „Ich gehe!“

„Du bleibst hier“, brummte ich und drückte ihn wieder auf seinen Stuhl.

Und es lohnte sich zu bleiben. Zu einer Riesenportion Zwiebelrostbraten nach Art des Hauses gab es noch eine frische Maß Freibier und zur besseren Verdauung sogar ein Stamperl Blutwurz auf Haus.

Pfeifer, der nach der Xarre-Attacke alles wieder im Griff hatte, strahlte vor Zufriedenheit. Bevor er uns gut abgefüllt in die Quartiere entließ, verriet er die Marschroute für die nächsten Wochen. „Ich habe alles, bis an das Rheinufer und darüber hinaus, sorgfältig geplant und durchorganisiert. Morgen früh geht es nördlich von München an Dachau vorbei weiter Richtung Fürstenfeldbruck. Auf der Höhe von Landsberg werden sich uns die Studenten aus Augsburg anschließen, Mindelheim, Memmingen, Tuttlingen, durchs Höllental nach Freiburg. Von dort ist es nicht mehr weit zum Kaiserstuhl und an den Rhein.“

Zum Schluss wurde es noch richtig gemütlich, fast romantisch. Die Landshuter Landser stimmten, nicht übermäßig harmonisch, aber dafür um so lauter, ein Trinklied an:

 

Frischauf, ihr Kameraden! Wir ziehen in das Feld,

Wir haben unser Herz auf die Franzosen gestellt,

Die Wehr und der Mut sind geschliffen und blank,

Drum her mit den Franzosen, die Zeit wird uns lang.

Hurra, ihr Kameraden! Hurra, ihr Soldaten!

Hurra ist Franzosen ein tödlicher Klang.

 

Die zweite Strophe hatten sie wohl vergessen und von den anderen konnte auch keiner einspringen, deshalb ergriff ein Mann namens Mane, der eine Zither unter dem Arm trug, das Wort. Er stemmte den Maßkrug in die Luft und gröhlte:

„Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit.“

Pfeifer stieß mit fast jedem im Saal an. Dann stellte er sich noch einmal, schon etwas wackelig, wie es schien, an das Pult und lallte ein paar letzte Worte: „Uhrenvergleich!“ Alle blickten auf ihre Armbanduhren. Rocky auf seine Rolex. „Es ist jetzt exakt dreiundzwanziguhrsiebzehn. Abmarsch ist um Punkt sechuhrzweiunddreißig mitteleuropäische Sommerzeit. Nach Mitternacht will ich hier keinen mehr sehen. Nach Auskunft der Wetterstation auf der Zugspitze wird es morgen brutal heiß. Also zieht euch warm an.“

Er stapfte durch den Saal, öffnete die Tür, schlüpfte hindurch, doch bevor er sie schloss, steckte er noch einmal den Kopf durch den Spalt. „Gemeinsam werden wir es schaffen“ schrie er. „Yes, we can!“

Das große Abenteuer begann.

 

6

Aber es fing später an, als vorgesehen. Als Pfeifer um 6 Uhr 32 vor die Tür trat, war er der einzige, alle anderen trudelten erst nach und nach und nur langsam aber stetig ein. Er trug ein makelloses weißes Hemd und eine acrylblaue Krawatte, die ihm wie ein Breitschwert auf der Brust hing. In seiner Hirschlederknickerbockerhose, seinen Reiterstiefeln mit Fransen, und seinem Cowboyhut sah er aus wie eine Mischung aus Lederstrumpf und Luis Trenker.

Und er war stinksauer. Von jedem wollte er wissen, warum er so spät dran war und machte sich verbissen Notizen wie Huub Stevens bei einem Gegentor. Die meisten gaben an, dass ihr Wecker nicht geklingelt habe oder dass der Akku ihres Handy aufgeladen werden müsse. Einige machten nervöse Schlafstörungen geltend oder Sodbrennen, plötzlichen Durchfall oder Verstopfung.

Drei oder vier sagten, sie hätten im Dom zu Freising eine Kerze angezündet und um eine glückliche Heimkehr gebetet. Und die Beichte habe einfach zu lange gedauert. Den Vogel schoss Xarre, der mächtige Landsknecht ab. Er behauptete, er habe seinen Kuschelhasen vergessen und ohne den könne er weder einschlafen noch aufwachen. Alle lachten – außer Pfeifer. Ansonsten hörte sich der Chef alles erstaunlich ruhig, geduldig und gelassen an, er klappte sein Notizheft zu und meinte dann: „So Kinder, das war das letzte Mal, dass ihr nicht das macht, was ich sage.“ Und dann zog er tief die Luft ein und brüllte: „Stillgestanden! Alles auf Vordermann!“

Als dieser Vorgang nach ein paar Minuten mehr oder weniger abgeschlossen war, philosophierte er: „Jeder lange Marsch beginnt mit einem ersten Schritt.“ Dann fügte er noch hinzu: „Der Weg ist das Ziel“ und dann brüllte er: „Abmarsch!“ und die Kolonne setzte sich im Gleichschritt in Bewegung. Mehr oder weniger.

Es war Punkt acht.

Ich marschierte natürlich wieder vorne weg, musste aber außer der Fahne einen ziemlich dicken Kater mit mir herumschleppen. Ich vertrage einfach keinen Schnaps.

Pfeifer war einfach überall. Hoch zu Pferd umkreiste er wie ein Strobel seine Herde und schnauzte jeden an, der aus der Puste kam. Erfreulicherweise hatte er nicht untersagt, dass sich die Leute unterhielten und so ratschten sie ausführlich, wie es nun mal des Bayern Eigenart ist.

Nach drei Stunden gestattete der Chef die erste Rast. Noch hatten die meisten etwas Proviant von zu Hause dabei: Butterbrez’n, Kas-Semmeln und einen Radi und dazu Kaffee aus der Thermoskanne oder eine Capri-Sonne.

Dann wurden Sticker verteilt, „damit nicht Kameraden gegen Kameraden kämpfen“, wie Pfeifer erläuterte. Er meinte damit, dass wir wegen der fehlenden Uniformen ja nicht immer wissen konnten, ob man nun einen Freund oder Feind vor sich hatte. Schließlich könne man sich ja auch nicht jedes Gesicht merken.

Auf den bunten, runden Dingern stand: „Landsburger“ und damit wurde auf die Aktion einer bundesweit tätigen Fleischpflanzerl-Kette hingewiesen, die „nur für kurze Zeit und zu Ehren unserer Helden“ einen mit Obatzten belegten Leberknödel in der Semmel im Angebot hatte. An der Aktion nahm allerdings nur eine Filiale teil. Die in Landshut. Und die gehörte dem Bürgermeister. Dann ging es weiter, an der Spitze gleich hinter mir die Landsknechte und sie gröhlten „It’s a long way to Tipparary.“

Pfeifer führte uns am ersten Abend an einen kleinen See, ein wirklich schöner Platz, um die schwere Fahne ab- und die Füße hochzulegen. Ich holte meine Decke aus dem Rucksack und machte es mir bequem. Da ich sicher noch eine Stunde Zeit hatte, bis die letzten eintrudeln würden, freute ich mich auf meine letzte Flasche Stöttnerbier. Die hatte ich mir wirklich verdient. Doch schon als ich sie anfasste, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Sie war glühend heiß und wenn ich etwas partout nicht leiden kann, dann ist das warmes Bier.

Aber was soll’s dachte ich, setzte die Flasche an und trank sie halb leer. Das Bier stieg mir sofort in den Kopf, alles drehte sich und ich war total benebelt. Gut, dass ich schon auf der Decke saß, so musste ich nur noch nach hinten kippen. Ich streckte alle Viere von mir.

Doch kaum hatte ich die Augen geschlossen, da bellte Pfeifer : „Franz!“ Ich sah hoch und da stand er in ungefähr elf Meter Entfernung und wedelte mit dem rechten Arm. Um ihn herum standen ein paar Leute geschart wie die Jünger am Ölberg um den Sohn Gottes.

Ich rappelte mich auf und stellte mich vor den Chef, hob die Hand an den Strohhut und grüßte, wie ich das schon bei Soldaten im Fernsehen beobachtet hatte. „Ich sagte: „Jup!“, weil ich nicht genau wusste, was und ob ich überhaupt was sagen sollte.

Pfeifer nahm es ungerührt zur Kenntnis. „Franz, bitte hilf den Landsknechten beim Aufbau des Dixi-Klos für die Frauen. Aber bitte etwas abseits vom Camp. Frauen sind halt ein wenig etepetete.“

„Ete … was?“

„Na ja, pingelig, zart besaitet, verschämt.“ Er zeigte auf Linus und Paul und dann auf das Häuschen, eine kleine, ein Meter mal ein Meter kleine Hütte ohne Dach aber mit Herz in der Tür. „Und da stellt ihr den Donnerbalken auf“, wies er an und zeigte auf den Rand einer Lichtung, die aber durchaus vom Lager aus gut einsehbar war.

Dann ließ er ein aus Tarnungsgründen grasgrünes Party-Zelt von rund vier mal vier Metern aufbauen. Seine Kommandozentrale. Zwei weitere Landsknechte schickte er in den Wald Brennholz holen.

Für mich hatte er eine Sonderaufgabe. „Franz, du kannst schon mal mein Pferd füttern und striegeln.“ Dann bemerkte er wohl, dass ich ganz blass geworden war.

„Iss was?“

„Ich ähh, ich habe Angst vor Pferden. Und auch vor Kühen.“

Pfeifer lachte. „Ein Kerl wie du?“

Dann winkte er Linus zu sich, der die Aufgabe ohne Murren übernahm. Inzwischen waren alle Planwagen und Ochsenkarren eingetroffen und waren im Kreis aufgestellt worden. Angriffe von Apatschen oder Kiowas sind ja in Süddeutschland eher selten, aber sicher ist sicher.

Noch zwei Stunden später erreichten die letzten das Camp. Es waren Ali, der seinen Gebetsteppich unter dem Arm trug, Ludwig, der Dreizentnermann mit seinem Groupie, der schnaufte wie ein Walross und schließlich Werner, ein 82jähriger, der für den Methusalemmarathon in Dallas trainierte.

Der Beginn des ersten Abends war mehr als ergreifend: Pfeifer lief persönlich mit einer lodernden Fackel an jedes der fünf Lagerfeuer, dazu sangen die Landsknechte die Nationalhymne, ich war gespannt, wer wohl den Olympischen Eid sprechen würde.

Dann packten alle ihre mitgebrachten Fressalien aus – jedenfalls die, die etwas mitgenommen hatten und das waren bei weitem nicht alle. „Mir hat keine Menschenseele gesagt, dass ich was mitnehmen soll“, jammerte Petrus, einer der Landsknechte und seinem Kollegen Claudius standen die Tränen in den Augen. „Jetzt muss ich also zugucken, wie ihr euch die Wampe voll haut.“

Aloysius, der Pfarrer, wusste ihn zu trösten. Er kramte in seinem Pilotenkoffer und holte einen Satz Karlsbader Oblaten heraus. „Ich habe auch nichts anderes als den Leib Christi“, sagte er und begann daran zu knabbern.

Petrus nahm ein paar von den trockenen Dingern und während er versuchte, sie irgendwie herunterzuwürgen, blickte er einer knusprigen Hähnchenkeule hinterher, bis sie schließlich im Magen einer Marketenderin landete. „Der arme Kerl“, dachte ich und hoffte, dass er keine niederbayerische Blutwurst mochte, als ich sie ihm anbot.

Aber er riss sie mir wie ein Verhungernder aus den Händen und in Nullkommanix war der Negerbeidel verschwunden. Dasselbe Schicksal erlitt auch die pisswarme halbe Stöttnerhalbe. Mit mampfendem Mund versprach er: „Meim Bumme, bas berbess ich bir mie.“ Das Geselchte von der Metzgerei Baumann und die Gewürzgurken ließ ich lieber im Rucksack. Man konnte ja nie wissen.

„Morgen“, so befahl Pfeifer, „erwartet uns wieder ein glühendheißer Tag. Deshalb stehen wir morgen eine Stunde früher auf. Also, Linus, Trommel ab um fünf.“ „Och“, maulte Natalia, die Blondine mit den Stöckelschuhen, die sie übrigens auch nachts trug: „Immer so früh. Muss das sein? Ich schlaf gern morgens ein paar Stündchen länger.“ Pfeifer sah sie nachdenklich an. „Na, mal sehen, ob sich in deinem Fall was machen lässt, ich könnte nämlich für den einen oder anderen Sondereinsatz eine Assistentin brauchen.“ Er zögerte einen Augenblick. „Für alle anderen gilt: Nur der frühe Vogel fängt den Wurm. Franz, du machst das Licht aus!“

Dann verschwand er in seinem Zelt.