Wie ich Napoleon den Krieg erklärte und sein größtes Geheimnis lüftete

  

An der Rathaustür von Mallersdorf hing ein Plakat. Ein Kerl mit gestreiftem Hut und Spitzbart war darauf zu sehen und er zeigte mit dem Finger auf jeden, der vorbei kam: „Du wirst gebraucht!“, stand da. Und: „Auf nach Frankreich! Auf zum Kampf gegen Napoleon!“

 

Es ging darum, Napoleon am Rhein zu stoppen. Jeder sollte mitmachen. Notfalls auch Zugereiste, denen die Gnade der bayerischen Geburt nicht teilhaftig geworden war. Aber jeder sagte sich: Was geht mich Napoleon an? Den kann sowieso keiner aufhalten. Sollen das gefälligst die anderen machen. Die Preußen oder die Japaner. Die Bevölkerung Niederbayerns war jedenfalls von dem Aufruf nicht sonderlich beeindruckt. Die Rekrutierung erfolgte somit nur sehr, sehr schleppend.

 

Ich aber dachte mir, bei mir würde es sowieso nicht auffallen, wenn ich längere Zeit mal weg war. Denn ich war eh das ganze Jahr über verschwunden im Internat in Deggendorf. Und dort kümmerte sich niemand darum, ob nun einer die Schulbank drückte oder nicht – Hauptsache, das Schulgeld wurde pünktlich überwiesen. Außerdem hoffte ich, dass man mir diesen Feldzug später beim Grundwehrdienst bei der Bundeswehr anrechnen wurde.

 

Und da war noch etwas: Ich wollte diesem Superpromi Napoleon, diesem Halbgott mit Dreispitz, vor dem die ganze Welt zitterte, wenigstens einmal persönlich gegenüber stehen und feststellen, ob er auch mir Angst einjagen würde. Und dann wollte ich ihn fragen, warum er ständig seine rechte Hand in die linke Seite seiner Jacke steckte.

 

Ja, dachte ich, das wäre der Kracher.

 

Als ich mich über nähere Einzelheiten in der Gemeinde erkundigte, zum Beispiel, wann es losgehen würde und mit wem und überhaupt, zuckte der Gemeindeschreiber nur seine Achseln. „Wie soll es der kleine Affe wissen, wenn es nicht einmal der große weiß?“ Er wollte damit sagen, dass damals nur die wenigsten kapierten, wer in Deutschland und Europa eigentlich gegen wen kämpfte. Es hieß nur, Napoleon wolle sein Glück gegen die Russen noch einmal versuchen.